Freitag, 1. Oktober 2004

Israel weitet Militäreinsatz aus: Hundert Panzer in Gazastreifen vorgedrungen

  • Neun Tote - Korei spricht von Staatsterror
  • Armee soll weitere palästinesische Angriffe unterbinden

Die israelische Armee hat ihre Militäroffensive im Norden des Gaza-Streifens am Freitag fortgesetzt und neun Palästinenser getötet. Die Europäische Union kritisierte die Offensive und warf Israel vor, unverhältnismäßig zu reagieren.

Die israelische Armee drang nach palästinensischen Angaben mit Dutzenden Panzern in den nördlichen Gaza-Streifen ein und griff radikale Palästinenser aus der Luft an. Der palästinensische Ministerpräsident Ahmed Korei bezeichnete den israelischen Einsatz als "staatlichen Terror, der ganz bewusst auf Zivilisten zielt". Israel will nach eigenen Angaben mit der "Tage der Abrechnung" genannten Militäroffensive eine Pufferzone schaffen, um Raketenangriffe radikaler Palästinenser zu stoppen. Bei einem solchen Angriff waren am Mittwoch zwei israelische Kleinkinder getötet worden. Israel war daraufhin in den Gaza-Streifen einmarschiert.

Ziel des israelischen Militäreinsatzes sind Flüchtlingslager im Norden des Gaza-Streifens, von wo aus radikale Palästinenser immer wieder Raketen auf Israel abfeuern sollen. So kam es den ganzen Freitag über zu Gefechten in Jabalia, das als Hochburg palästinensischer Extremisten gilt. Planierraupen der Armee rissen Häuser ein und ebneten so den Weg für nachrückende Soldaten.

Bei drei Luftangriffen im Gaza-Streifen wurden mindestens sechs Palästinenser getötet, darunter drei Mitglieder der radikal-islamischen Hamas. Ein Hamas-Kämpfer sprengte sich an einem Grenzübergang in die Luft, den israelische Soldaten passierten. Zwei weitere Kämpfer seien von israelischen Soldaten erschossen worden, teilte die Hamas mit. Das israelische Militär äußerte sich nicht zu dem Vorfall. Ärzten zufolge erschossen Soldaten bei einem anderen Vorfall einen weiteren Palästinenser. Am Donnerstag waren bei den schwersten Gefechten im Gaza-Streifen seit mehr als zwei Jahren 29 Palästinenser und drei Israelis ums Leben gekommen.

"Israel hat das Recht, seine Bürger vor terroristischen Angriffen zu schützen, aber...die Ausübung dieses Rechtes sollte im Rahmen des internationalen Rechts geschehen", hieß es in einer Erklärung des niederländischen Außenministers Bernard Bot. Die Niederlande haben derzeit die Ratspräsidentschaft der EU inne. Bot verurteilte den Raketenangriff der radikal-islamischen Palästinensergruppe Hamas am Mittwoch, die sich der Zerstörung Israels verschrieben hat. Beide Seiten müssten die langfristigen Folgen ihrer Handlungen bedenken, die die Situation bloß verschärften und reaktionären Kräften einen Vorwand lieferten, um den Friedensprozess zu stoppen.

Der deutsche Außenminister Joschka Fischer sagte dem "Flensburger Tageblatt", es müsse alles getan werden, um die Situation zu entschärfen. "Gerät die Region ins Rutschen, werden wir alle einen hohen Preis dafür zu zahlen haben."

Die US-Regierung hingegen betonte Israels Recht auf Selbstverteidigung. Ein Sprecher von Präsident George W. Bush rief jedoch beide Seiten dazu auf, den unter anderem von den USA und der EU vorgelegten Friedensplan umzusetzen.

Korei verurteilte das israelische Vorgehen als Staatsterror und forderte ein internationales Eingreifen. Der israelische Verteidigungsminister Schaul Mofas betonte die Entschlossenheit Israels, die aufständischen Kräfte zu zerstören. "Es ist wichtig, der anderen Seite klar zu machen, dass wir keine terroristischen Handlungen dulden oder uns unter Beschuss zurückziehen werden", sagte er bei einem Besuch im Gaza-Streifen.
(apa)

1.10.2004 22:49