Freitag, 1. Oktober 2004

Israel-Panzer feuert auf Menschenmenge: Blutigster Tag im Gazastreifen seit Monaten

  • Mindestens 32 Tote bei Großoffensive der Armee
  • Truppen rücken in Flüchtlingslager Jabalija ein

Eine israelische Großoffensive im Gazastreifen hat zu den blutigsten Gefechten in den Autonomiegebieten seit zweieinhalb Jahren geführt. Insgesamt kamen in den Kämpfen sowie bei einem palästinensischen Angriff 32 Palästinenser und drei Israelis ums Leben. Für die Palästinenser war es der verlustreichste Tag seit April 2002, als im Westjordanland 35 Menschen dem gewaltsamen Konflikt zum Opfer fielen. Der israelische Ministerpräsident Ariel Sharon billigte am Abend eine Ausweitung der Offensive.

In und um Jabalija kamen insgesamt 19 Palästinenser ums Leben, darunter drei Jugendliche im Alter von zwölf, 14 und 17 Jahren. Allein sieben Menschen starben am Nachmittag und 24 weitere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, als ein israelischer Panzer ein Geschoss abfeuerte, das nach Augenzeugenberichten mitten in eine Menschenmenge am Eingang des Flüchtlingslagers einschlug. Viele von ihnen verloren Arme und Beine.

Die israelischen Streitkräfte erklärten, sie hätten auf den Angriff einer Gruppe von Militanten reagiert, die einen Panzerwagen beschossen und drei Soldaten verletzt hätten. Offenbar seien mehrere Kinder in der Nähe dieser Gruppe gewesen, sagte Generalmajor Dan Harel. Er äußerte sein Bedauern über Verletzte in der Zivilbevölkerung. Nach palästinensischen Angaben setzten die israelischen Soldaten zudem Maschinengewehre, Panzerraketen und Kampfhubschrauber ein. Laut israelischem Militär trennte die Armee den Gazastreifen mit Straßensperren in drei Teile, um Extremisten die Flucht zu erschweren.

Frau beim Joggen erschossen
Zuvor töteten israelische Soldaten in Beit Hanun zwei Kämpfer der radikalislamischen Hamas-Bewegung, die nach Angaben der Organisation aus Jabalija stammten. Laut israelischer Armee wurde bei den Kämpfen auch ein israelischer Soldat getötet. Nahe der jüdischen Siedlung Alei Sinai wurden laut Armee bei einem palästinensischen Angriff zwei Israelis und zwei palästinensische Hamas-Kämpfer getötet. Unter den israelischen Opfern war eine Frau, die beim Joggen erschossen wurde. Bei den Gefechten in Beit Hanun und Jabalija wurden zudem mindestens 35 Palästinenser verletzt, einer davon schwer. Mindestens sieben Häuser wurden in Jabalija zerstört.

Die Militäraktion werde auf unbestimmte Zeit fortgesetzt, sagte der israelische Regierungssprecher Avi Pazner. "Was heute zu beobachten war, wird andauern", sagte Pazner der Nachrichtenagentur AFP. "Wir haben keinen Zeitrahmen dafür festgelegt." Die israelische Armee war erneut in den nördlichen Gazastreifen einmarschiert, nachdem bei einem palästinensischen Angriff mit einer Kassam-Rakete in Sderot zwei Kinder ums Leben gekommen waren.

Israels Ministerpräsident Ariel Sharon setzte seine Krisengespräche über die Lage im Gazastreifen mit Verteidigungsminister Shaul Mofaz und Generalstabschef Moshe Jaalon fort. Sharon habe angeordnet, "alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen", um weitere palästinensische Raketenangriffe zu unterbinden, sagte ein Regierungssprecher. Die palästinensische Autonomiebehörde bat die internationale Gemeinschaft um ein Eingreifen, um die israelischen "Massaker" im Gazastreifen zu stoppen. (apa/red)

1.10.2004 08:58