Dienstag, 21. September 2004

Massive Kritik am autofreien Tag: "Vorder- gründige Aktion ohne geringsten Nutzen"

  • Schon wieder: Diesel erneut um 1 Cent pro Liter teurer
  • UMFRAGE: "Autofreien Tag" überhaupt abschaffen?

Mit Staus und Verärgerung bei Autofahrern und Kritik seitens von Umweltorganisationen ging am Mittwoch der fünfte autofreie Tag in Österreich über die Bühne. Bereits eine halbe Stunde vor der Sperre der Wiener Ringstraße vom Stubenring bis zum Heldentor von 10.00 bis 14.00 Uhr wurde der Verkehr in Wien durch umfangreiche Staus lahm gelegt. Laut ÖAMTC-Informationszentrale ging bereits gegen 9.30 Uhr am Franz Josefs-Kai und am Schottenring fast nichts mehr, nachdem die Sperre am Stubenring aufgebaut worden war.

Die nächste betroffene Verkehrsader in Wien ist laut Einschätzung von Gerhard Koch vom ÖAMTC die 2er-Linie: "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es dort steht." Das Problem werde sich dann über die Lothringenstraße bis zum Schwarzenbergplatz ziehen.

FPÖ kritisiert autofreien Tag
FPÖ-Klubobmann Herbert Scheibner bezeichnete den autofreien Tag als "vordergründige Aktion ohne den geringsten Nutzen". Es sei völlig absurd zu glauben, dass man der Verkehrsproblematik Herr werden könne, indem man den Verkehr in der Wiener Innenstadt lahm lege, kritisierte Scheibner. Dies verursache nur Ärger und Kosten, Staus und zusätzliche Umweltverschmutzung auf den Ausweichrouten. Es sei zu hoffen, dass diese "von realitätsfernen EU-Bürokraten ins Leben gerufene absurde Idee" zumindest in Österreich eine einmalige Angelegenheit bleibe. Bereits am frühen Vormittag hatten verärgerte Wiener Autofahrer im Hitradio Ö3 ihrem Ärger über den autofreien Tag lautstark Luft gemacht.

Die Umweltschutzorganisation Global 2000 wiederum kritisierte, dass sich die Umweltpolitik der Bundesregierung hinsichtlich der Verkehrsproblematik auf medienwirksame PR-Aktionen entlang der Ringstraße reduziere: "Einmal im Jahr den autofreien Tag zu feiern ist zu wenig, solange keine menschen- und umweltgerechte Verkehrspolitik gemacht wird. An 364 Tagen rollt die Verkehrslawine weiter, mit Tausenden Opfern und massiven Umweltproblemen, ohne dass die Bundesregierung wirksame Maßnahmen setzt", sagte Heinz Högelsberger, Verkehrsreferent von Global 2000.

Proteste gegen Minister Pröll
Aktivisten der Umweltorganisation begleiteten Umweltminister Josef Pröll (V) am Mittwoch mit Schildern, auf denen sich unterschiedliche Interessengruppen für die autozentrierte Verkehrspolitik der Bundesregierung mit Parolen "bedanken": U.a. wurde die "Freude" der Bestattungsunternehmen über die Todesopfer der Dieselabgase oder der OMV über das verfehlte Klimaschutzziel auf dem Verkehrssektor ausgedrückt.

Kritik an Umweltminister Josef Pröll (V) übte auch die Umweltsprecherin der Grünen, Eva Glawischnig: "Der autofreie Tag ist ein wichtiges Symbol, kann aber die längst überfällige Wende in der Verkehrspolitik nicht ersetzen." Die seit Jahren anwachsende Verkehrslawine verursache durch Unfälle und Luftverschmutzung Jahr für Jahr tausende Todesfälle in Österreich und sei, so Glawischnig, der Hauptgrund dafür, dass Österreich meilenweit von der Erreichung der Klimaschutzziele entfernt ist.

Im Gegensatz dazu bezeichnete der Geschäftsführer des Umweltdachverbandes, Franz Maier, den autofreien Tag im Jahr des Klimaschutzes 2004 als "besonders wichtige Initiative, die auch die Verkehrszukunft Österreichs nachhaltig in den Blickpunkt rücken sollte". Der Anstieg der Verkehrsemissionen in Österreich um 60 Prozent seit 1990 sei Besorgnis erregend für Mensch und Umwelt. Deren Anteil am Klimawandel sei damit auf ein Viertel angewachsen, eine Trendwende nicht absehbar. "Die Alarmglocken läuten. Rasches Handeln aller politisch Verantwortlichen ist das Gebot der Stunde. Wir rufen jedoch auch jeden Einzelnen dazu auf, so klimamobil wie möglich unterwegs zu sein", sagte Maier.

Fußgänger bevölkern Ring
Wie ÖAMTC und ARBÖ gegen Mittag berichteten, tummelten sich zahlreiche Fußgänger auch auf dem nicht gesperrten Abschnitt der Wiener Ringstraße auf der Fahrbahn. "Das haben einige missverstanden", meldete die ÖAMTC-Informationszentrale. Der Ring war nur vom Stubenring bis zur Stadiongasse/Parlament anlässlich des autofreien Tags gesperrt.

In den Wiener Linien machte sich der autofreie Tag nicht bemerkbar. Johann Ehrengruber von der Pressestelle: "Meine subjektive Wahrnehmung bei der Anreise ins Büro war, dass wir keinen markanten Anstieg zu verzeichnen hatten." Allerdings sei es schwer messbar, schränkte er ein. Denn selbst fünf bis zehn Tausend Fahrgäste mehr über das gesamte Netz verteilt würden kaum auffallen. Auch nach Informationen des ARBÖ kam es am Mittwoch nicht zum großen Run auf die U- oder Straßenbahnen. Dafür seien in Wien paradoxerweise keine Mietautos mehr zu bekommen gewesen.

Der ARBÖ Wien bezeichnete den autofreien Tag als "Schikane für die Menschen". Niemand fahre freiwillig zwischen 10.00 und 14.00 Uhr mit dem Auto. Die Ringsperre, so Landesgeschäftsführer Herbert Hübner, sei von Umweltminister Pröll gegen den Willen der Stadtregierung durchgesetzt worden.
(apa)

21.9.2004 13:25