Sonntag, 12. September 2004

Protest gegen Gouverneurs-Absetzung: UNO-Büro in Afghanistan angegriffen

  • Herat: Khan-Anhänger setzen Gebäude in Brand
  • Mindestens sieben Tote bei Ausschreitungen

Nach der Absetzung des einflussreichen Gouverneurs der westafghanischen Provinz Herat, Izmail Khan, ist es am Wochenende zu Gewaltexzessen gekommen. Bei den Protesten soll es mindestens sieben Todesopfer gegeben haben. "Ich habe bisher sieben Leichen gesehen", sagte ein Arzt des Krankenhauses in der gleichnamigen Provinzhauptstadt. Sie waren offenbar bei Zusammenstößen mit der Polizei ums Leben gekommen.

Mehrere hundert Demonstranten stürmten am Sonntag zwei Gebäude der Vereinten Nationen. Sie warfen Fensterscheiben ein, legten Feuer und zerstörten dort abgestellte Fahrzeuge. US-Soldaten gingen daraufhin gegen die Menge vor. Das UN-Personal wurde in Bunker gebracht. Der Sprecher der Vereinten Nationen, Manoel de Almeida e Silva, sagte, die Menschenmenge habe sich vor den beiden benachbarten Gebäuden der Vertretung des UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR und der UN-Afghanistan-Mission UNAMA versammelt und sei in das UNAMA-Gebäude eingedrungen. Die Mitarbeiter der beiden Organisationen seien geflüchtet. Verletzte habe es keine gegeben.

Polizisten und Soldaten gaben Warnschüsse ab. Über der Stadt kreisten US-Hubschrauber. US-Soldaten brachten die Gebäude rund anderthalb Stunden nach Beginn der Proteste unter ihre Kontrolle. Bei Protesten am Samstag hatten sich mehrere hundert Menschen versammelt. Sie riefen Parolen wie "Tod Karzai - Tod den Amerikanern". Soldaten eröffneten nach Polizeiangaben im Lauf der Proteste das Feuer.

Afghanistans Präsident Hamid Karzai hatte Khan durch den regierungsfreundlichen bisherigen Botschafter in der Ukraine, Saed Mohammed Khair Khuwa, ersetzt. Die Absetzung Khans gilt als weitere Maßnahme, vor der Präsidentschaftswahl im Oktober den Einfluss der Kabuler Zentralregierung im Land auszuweiten.

Khan wurde der vergleichsweise unbedeutende Posten des Ministers für Bergbau und Industrie angeboten. Der einflussreiche Warlord akzeptierte nach Angaben aus Regierungskreisen seine Absetzung, lehnte aber das Regierungsamt umgehend ab: Er könne seinem Volk auf einem solchen Posten nicht dienen.

Izmail Khan hatte die wohlhabende westliche Provinz Herat seit dem Fall der Taliban-Herrschaft 2001 regiert. Wegen seiner Weigerung, Steuern in Millionen-Dollar-Höhe an die Zentralregierung abzuführen, lag er schon seit langem mit Karzai im Streit. Er kommandierte auch eine eigene Miliz mit mehreren zehntausend Kämpfern.

Die Provinz Herat grenzt im Westen an den Iran und Turkmenistan und treibt einen Großteil der afghanischen Import- und Exportsteuern ein. In Afghanistan ist es im Vorfeld der Wahlen am 9. Oktober wiederholt zu Gewalt gekommen.

(apa)

12.9.2004 11:38