Mittwoch, 1. September 2004

Trauer & Wut in Ossetien: Bewohner äußern Zweifel an Erstürmungs-Version

  • Kritik an Vorgehensweise russischer Behörden wächst

Tiefe Trauer in Beslan. Im strömenden Regen wurden weitere 120 Tote in dem kleinen ossetischen Ort zu Grabe getragen. Mit einer landesweiten Staatstrauer wurde den Geiselopfer gedacht. Drei Tage nach der gewaltsamen Erstürmung des Schulgebäudes versorgten Ärzte in den Krankenhäusern der Teilrepublik Nordossetien noch immer 377 Verletzte. Inoffiziell wird aber von viel mehr Toten ausgegangen. Kritik an der Informationsweitergabe der Russen wird laut.

"In solchen Augenblicken braucht die Gesellschaft die Wahrheit", sagte Sergej Briljow, ein Kommentator des Fernsehsenders Rossija, am Sonntagabend. Die Behörden hatten die Zahl der Geiseln zunächst viel zu niedrig beziffert. Erst am Wochenende räumte ein Sprecher ein, die Extremisten hätten mehr als 1.100 Menschen in ihrer Gewalt gehabt.

Angesichts dessen äußerten viele Bewohner von Beslan auch Zweifel an den offiziellen Angaben zur Zahl der Opfer. Ebenso in Frage gestellt wurde die Aussage, dass die Geiselnehmer zum Teil aus arabischen und afrikanischen Staaten stammten. Mehrere der befreiten Geiseln sagten, sie hätten die Terroristen für Tschetschenen gehalten. Aslanbek Aslachanow, ein Berater von Präsident Wladimir Putin, hatte zuvor erklärt, die Gruppe sei "vollkommen international" gewesen.

Frankreich fordert Informationen
Der französische Premierminister Jean-Pierre Raffarin hat von Russland "alle notwendigen Informationen" über das katastrophale Ende des Geiseldramas in Nordossetien verlangt. Raffarin folgte damit am Montagabend einer entsprechenden Aufforderung des sozialistischen Oppositionsführers François Hollande.

Drei Verdächtige festgenommen
Drei Verdächtige wurden nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Interfax am Samstag in Beslan festgenommen. Ein ranghoher Beamter der Staatsanwaltschaft erklärte, die Zelle der Geiselnehmer sei vom tschetschenischen Rebellenführer Schamil Bassajew gegründet worden. Die Gruppe habe auch einen Überfall auf Sicherheitskräfte in der Nachbarrepublik Inguschetien im Juni verübt, bei dem 88 Menschen getötet wurden. Der mutmaßliche Anführer der Geiselnehmer, der Ingusche Magomed Jewlojew, wurde laut Interfax nicht unter den Toten entdeckt.

Droht Verschärfung des Sicherheitsapparates in Russland?
Nach dem tragischen Ende des Geiseldramas in Russland wird Präsident Wladimir Putin Experten zufolge die ohnehin mächtigen Kontroll- und Sicherheitsorgane weiter stärken, was zu Lasten der Bürgerrechte gehen könnte. "Er denkt, Macht und Stärke sind die Antwort auf alles. Dies wird Russland noch mehr zu einem Polizeistaat machen, als es das schon ist", sagt Jewgeni Wolk von der Heritage Foundation.

Heute NATO-Sondersitzung
Der NATO-Russland-Rat berät heute Dienstag in Brüssel in einer Sondersitzung über die Folgen des Geiseldramas im Nordkauskasus. In dem von NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer für 16.00 Uhr einberufenen Treffen auf Botschafterebene will das nordatlantische Bündnis nach Angaben eines Sprechers seine Solidarität mit dem russischen Kampf gegen den Terrorismus zum Ausdruck bringen.

(apa/red)

1.9.2004 08:38