Montag, 23. August 2004

Der Schiiten-Anführer als Phantom: Von Moktada al Sadr fehlt in Najaf jede Spur

  • Milizionäre dennoch von seinem Beistand überzeugt
  • Kämpfer berichten von "maskiertem al Sadr" an Front

Moktada al Sadr ist ein Phantom. Kaum einer weiß, wo sich der Schiitenprediger tatsächlich aufhält. Auch die Journalisten nicht, denen Zutritt zu der Imam-Ali-Moschee in Najaf gewährt wird, in der sich al Sadr angeblich seit Wochen verschanzt hält. Die Anhänger des Schiitenführers aber, die sich um das Heiligtum herum Gefechte mit US-Soldaten liefern, schwören, ihn gesehen zu haben.

Maskiert sei er gewesen, sagen die Milizionäre, habe mehrfach die Angriffe gegen die feindlichen Soldaten geführt und sogar eigenhändig Raketen auf US-Panzer abgefeuert. "Ich habe Moktada am Ort der Gefechte gesehen", schwört Yusif Geydan, ein 28-jähriger Kämpfer. Wie die meisten anderen Milizionäre hat er in den vergangenen Tagen fast nicht geschlafen, um seine Stellung zu halten.

"Er will uns sein Gesicht nicht zeigen"
Geydan deutet auf die Medina-Straße, Schauplatz der Kämpfe zwischen den Sadr-Milizionären und US-Soldaten sowie irakischen Sicherheitskräften. "Er kommt öfter, um gemeinsam mit uns an der Front zu kämpfen", sagt Geydan. "Er will uns nicht sein Gesicht zeigen, aber wir wissen, dass er es ist." Erst vergangene Woche habe al Sadr, ganz in der Nähe der Straße, mit einem Granatenwerfer einen gepanzerten Militärjeep der Amerikaner zerstört.

Kampf bis zum Märtyrertod
Wo al Sadr wirklich ist, darüber gibt auch der Sprecher des jungen Predigers kaum Auskünfte: "Ich kann Ihnen sagen, dass er in Najaf ist", sagt Ahmed Shaibani auf die Frage nach al Sadrs Aufenthaltsort. Und fügt hinzu: "Er würde die Stadt nicht einfach so verlassen." Beim Besuch seiner Kampfbataillone sei er vor kurzem von Granatsplittern verwundet worden, hieß es. Später sprach der Prediger mit verbundener Hand und im Sitzen in der Moschee zu seinen Gefolgsleuten und forderte sie auf, den Kampf bis zum Märtyrertod weiterzuführen.

"Moktada eins" als Name für eine Rakete
Für Hunderte seiner Anhänger ist al Sadr längst nicht nur ein religiöser Führer. Er gilt ihnen als Kämpfer, der gegen die Besetzer des Irak zu den Waffen gegriffen hat. "Sogar unsere Waffen tragen seinen Namen", berichtet Salah, ein Milizionär, der aus dem schiitischen Armenviertel Sadr City in Bagdad stammt. Dabei zeigt er auf eine russische Rakete, die die Kämpfer "Moktada Eins" getauft haben. Und der Prediger dient bei weitem nicht nur als Namensgeber für die Waffen seiner Milizionäre: Ohne Ankündigung und sogar während der Gefechte besuche er die Stellungen seiner Gefolgsleute rund um die Imam-Ali-Moschee, berichtet Salah begeistert.

Schlafloser Kampf
Seit Wochen harren al Sadrs Anhänger in Najaf aus, fast ohne zu schlafen. Sie wechseln sich auf ihren Positionen ab, um wenigstens ein paar Stunden Ruhe am Tag zu finden. Trotzdem geben sie sich kampfeswillig: "Für uns gehen die Kämpfe weiter", sagt ein Milizionär im Inneren der Moschee. "Wir hören erst auf, wenn Moktada es uns befiehlt." (apa/red)

23.8.2004 13:55