Montag, 16. August 2004

Wagners Gourmet-Kritik der Woche: All-Asia Restaurant "Jin´s Tea House" in Wien

  • Wagner über professionelle panasiatische Volksbildung
  • Sashimi-Schnitzkunst, Thai-Style Dorade und Karaoke

„Schon wieder ein Kaffeehaus, das einer Bank weichen musste!“ Ganz richtig: Dieser Stoßseufzer gastronomischen Bedauerns gehört in die 80er Jahre. Heute sagt man anders: „Schon wieder eine Bankfiliale, die geschlossen hat. Jetzt ist ein Teehaus drinnen.“ Und zwar Jin's Tea House.

Also ein chinesisches, sollte man annehmen. Tatsächlich stammt der freundliche Jian Jin Ma, den es von Hongkong zunächst nach Linz-Auhof und nunmehr an die Gestade des Wiener Naschmarkts verschlagen hat, aus China, ebenso übrigens wie sein Schwager und Küchenchef Yeung, der sogar aus Rotchina stammt. Dennoch ist „Jin´s Tea House“ kein chinesisches, sondern ein Asia-, oder besser: All-Asia-Restaurant.

Was das genau ist, lässt sich freilich ebenso wenig beantworten wie die Frage, was denn unter typisch europäischer Küche zu verstehen sei. (Vermutlich jene, die mit Messer und Gabel gegessen wird.) Allein ein gutes Chinarestaurant zu führen wäre angesichts mindestens fünf großer chinesischer Regionalküchen schon schwierig genug. Aber da der Naschmarkt nun einmal Wiens „Little Asia“ ist, müssen japanische Sashimi-Schnitzkunst und Teppanyaki-Grill ebenso am Programm stehen wie thailändische Zitronengrassuppe, Wok-Gemüse, Fung-Jhan-Beef mit Pak Choi und Hühnercurry mit Kokosmilch.

Die Küche dieses trotz seines etwas unterkühlten Banker-Charmes sehr sympathisch und freundlich geführten Hauses entledigt sich ihrer panasiatischen Volksbildungspflicht professionell, wenngleich nicht immer mit Bravour. (Zum Beispiel wäre etwas mehr weise Selbstbeschränkung bei Surimi-Produkten anzuraten). Doch der indische Tandoori-Hühnersalat mundete angenehm pikant, die Tom Yang Kung-Suppe mischt in Wiens oberem Mittelfeld mit, und die Thai-Style Dorade war nicht nur perfekt gebraten, sondern setzte sich auch erfolgreich gegen die Vereinnahmung durch eine scharfe Kokossauce durch.

Dazu wird eine für Asia-Verhältnisse sehr ansehnliche Auswahl geeigneter österreichischer Weine angeboten, und ab Herbst soll es im Souterrain auch eine Karaoke-Bar geben. Diese Ankündigung mag den Orient-Gourmet allerdings weniger in Entzücken zu versetzen als Mister Yin's erklärte Absicht, schon bald zu den Wurzeln der chinesischen Teehauskultur zurückzukehren und sonntags einen Dim-Sum-Brunch anzubieten. Tatsächlich blüht Wiens Dim-Sum-Kultur bis dato nur verborgen im 15. Bezirk.

Und auch dort sucht man die dekorativen Trolleys, von denen es wie in Hongkong nur so dampft und zischt, vergeblich. Gerade dafür freilich wäre in Jin's Tea House dank des Raumangebots der alten Bankfiliale mehr Platz als genug da.

Jin’s Tea House, 1060 Wien, Linke Wienzeile 36
Telefon: 01/581 27 79, Ruhetag(e): keine; Küchenzeiten: 11:30-24:00 Uhr

Web-Tipp: Christoph Wagner's Weblog:
www.speising.net

16.8.2004 16:17