Freitag, 13. August 2004

Der Gourmettempel am Neuen Markt in Wien steht wegen Defizits vor dem Aus

  • Wenig Glück für umtriebigen Wirt Reinhard Reitermayer
  • Auch seine Tricaffès mussten fast alle schließen

Das Projekt war höchst ambitioniert: Am ehemaligen Standort des traditionsreichen Delikatessenhändlers Wild am Wiener Neuen Markt sperrte im Juni 2002 der Gourmettempel Culinarium Österreich auf. Gastronom Reinhard Reitermayer, bekannt von der Kaffeehauskette tricaffè, investierte zwei Millionen Euro, um auf drei Stockwerken Vinothek, Feinkostladen und Restaurant mit Leckerbissen österreichischer Provenienz zu errichten.

Als eine Art Franchisegeber agierte die AMA (Agrar Markt Austria) über den Agrar Projekt Verein, in dem bäuerliche Organisationen von der Bregenzer Käsestraße bis zu Biobauerngruppen vertreten sind. Sie alle hatten gehofft, gute Geschäfte mit Städtern und Touristen zu machen.

Zu wenig Umsatz
Jetzt ist Schluss damit. Hatte Vereinschefin und AMA-Projektverantwortliche Sabine Flöckelmüller 30 bis 35 Millionen Euro Jahresumsatz erwartet, waren für Reitermayer nur rund 24 Millionen Euro erzielbar gewesen. Die hohe Monatsmiete für die 600 Quadratmeter an der Topadresse, rund 3.400 Euro, war trotz der Apothekerpreise für die Bauernschmankerln kaum zu verdienen.

"Nicht wirtschaftlich führbar"
"In seiner jetzigen Form ist der Betrieb nicht wirtschaftlich führbar", zieht Reitermayer einen Schlussstrich unter sein patriotisches Engagement. Er gibt das vorläufig noch offene Culinarium Österreich auf. Interessent ist der Wiener Promiwirt Mario Plachutta. Er könnte dort einen neuen Rindfleischtempel nach dem Muster des Plachutta in der Wollzeile errichten.

Gegenseitige Schuldzuweisungen
Die Schuld an der Bauchlandung des Culinariums schieben sich Flöckelmüller und Reitermayer gegenseitig zu. Flöckelmüller: "Beim Vertragsabschluss haben wir nicht bedacht, dass Herr Reitermayer mit zahlreichen anderen Projekten zu viel zu tun hat, um dem Culinarium genug Zeit widmen zu können."

Jetzt soll Kentucky Fried Chicken kommen
Tatsächlich war Reitermayer zuletzt auf einer wirtschaftlichen Hochschaubahn unterwegs: Seine tricaffès musste er teils schließen oder im Franchisesystem vergeben. Die Zuggastronomie "è tricaffè" verkaufte er kurz nach Übernahme ans Management. Jetzt wälzt er Pläne, die US-Fastfoodkette Kentucky Fried Chicken in Österreich aufzuziehen (siehe Kasten).

Die Vorwürfe Flöckelmüllers weist er zurück. "Die AMA hätte nicht auf der unwirtschaftlichen Feinkostabteilung beharren dürfen."

Nachfolger für Nobel-Standort gesucht
Reitermayer haftet allein für die Verbindlichkeiten, die etwa die Höhe der Investitionssumme ausmachen. Er will rasch einen zahlungskräftigen Nachfolger für den Nobel-standort finden. Die Suche betreibt dem Vernehmen nach die Wiener Firma PN Immobilien Consulting.

Plachutta zeigt Interesse
Mario Plachutta bestätigt Gespräche über seinen Einstieg: "Die Adresse ist gut, aber auch die finanziellen Rahmenbedingungen müssen stimmen." Er überlege noch, ob er ein Angebot legen werde. Flöckelmüller hofft indes auf einen Nachmieter, der das Culinarium-Konzept beibehält. Mit schlechten Aussichten. Plachutta: "Ich jedenfalls würde dafür nicht zur Verfügung stehen."

Wenig Glück für Reitermayer
Kaum jemand, der den umtriebigen Wirt mit dem Schnauzer, Reinhard Reitermayer, als Mensch nicht schätzen würde. Als Unternehmer hingegen hatte er nicht nur mit dem Culinarium Österreich Pech: Seine tricaffès wollte er internationalisieren, stattdessen musste er die in Wien schließen oder im Franchisesystem vergeben. Nur jenes in der Rotenturm-straße hat er noch. Auch sein Engagement als Bahngastronom mit è tricaffè floppte. Jetzt will Reitermayer die Geflügelrestaurants Kentucky Fried Chicken nach Österreich holen. (FORMAT 33)

13.8.2004 10:25