Mittwoch, 11. August 2004

Pensionsreform: „Kanzler, es reicht!“

Warum die Pensionsreform durch Proteste fast aller Berufsgruppen zu zerbröseln droht

Das „Karree“ zwickt sie alle. „Da gibt es keinen ohne Kreuzschmerzen. Mit 55 musst du deine Leistung bringen, kannst aber kaum mehr die Leitern hinauf. Auf dieser Baustelle gibt es keine zwei, die über 60 sind. Hier bei uns Mineuren, die die Wiener U-Bahn bauen, soll mir der Kanzler einmal vorhüpfen, wie man bis 65 Jahre arbeiten kann“, sagt Johann Krottmayer, 50. Spaßhalber ist der Mineur, seit mehr als 30 Jahren im Tiefbau beschäftigt, ja „dafür, dass man unser Pensionsalter gleich auf 70 Jahre anhebt. Dann zahlen wir überhaupt nur mehr Beiträge, kriegen nie etwas heraus, weil wir vor Pensionsbeginn absalutieren – und das Budget ist fein saniert. Dann haben sie in der Regierung endlich genug Geld für ihre eigenen Pensionen.“

Beim NEWS-Lokalaugenschein am Bauschacht der Wiener U2 – einem Baulos der ARGE Porr-Bilfinger-Berger – nehmen sich die Arbeiter, fast alle Wochenpendler aus der Südsteiermark, Kärnten, Niederösterreich und dem Burgenland, kein Blatt vor den Mund. „Im Winter Kälte, Regen, im Sommer Hitze, weit über 50 Grad, wenn du hinter Glas in einer Baumaschine sitzt, wohl bis zu 70 Grad – das muss erst einer aushalten“, sagt Bauführer Franz Heissenberger über die wirklichen „Hackler“ des Landes.

„60 Jahre ist das Maximum.“ Und gearbeitet wird bei jeder Witterung: „Der Beton ist bestellt und wird in time geliefert. Er muss verarbeitet werden. Da kann das Kreuz noch so wehtun“, weiß etwa Peter Fack, 48, seit seinem 15. Lebensjahr im Baugewerbe tätig. Helmut Telavec, 40, seit 16 Jahren am Bau, meint, dass „man erst einmal eine Firma finden muss, die einen, wenn man die volle Leistung nicht mehr bringen kann, bis 65 anstellt. Bis 60 arbeiten ist das Maximum.“

„Abschläge sind Schweinerei.“ Der Zimmermann Karl Buder, 44, bringt seine Vorstellung von einer Pensionsreform auf den Punkt: „Bis 65 Jahre arbeiten ist hochgradig ungerecht. Dass man da noch Abschläge kriegen soll, wenn man nach 45 Jahren Arbeit in Pension geht, ist eine Schweinerei. 45 Jahre sind genug. Wer das Gegenteil behauptet, wie der Herr Minister Bartenstein, dem rate ich: Stellen sie sich einmal eine Woche da her.“

„Harmonisierung“ und die schöne Formel bis 65 Jahre arbeiten, 45 Versicherungsjahre und dafür 80 Prozent des durchschnittlichen Lebensverdienstes, wo noch dazu beim ehrgeizigsten Reformprojekt der Regierung Schüssel II jeder Beitragseuro einem gleichen Betrag in der Pension entsprechen soll, klingt da gleich ganz anders als in den Expertisen der Pensionsexperten wie Bert Rürup, der etwa Schwerarbeitern eben die Invaliditätspension anempfiehlt, weil Abschläge eben sein müssten – und alles andere ungerecht wäre.

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11.8.2004 14:29