Montag, 9. August 2004

Powerfrauen erobern weiter die Spiele: Schon 40 Prozent der Teilnehmer weiblich

  • Erstmals Damen im Ringen und Säbelfechten mit dabei
  • Hälfte der Nationen schickten nur Männer nach Athen

Frauen müssen bei den Olympischen Spielen in Griechenland nicht mehr befürchten, als unerwünschte Personen vom Felsen gestoßen zu werden. Dieses Schicksal drohte in der Antike Ehegattinnen, die bei Wettkämpfen zuschauten. In Athen 2004 wird das weibliche Geschlecht weitere Steine, die ihm im Kampf um die Gleichberechtigung in den Weg gelegt wurden, beiseite räumen: Erstmals darf es sich im Ringen und Säbelfechten messen.

Für das Weltereignis fitgemacht wurde Athen von zwei Powerfrauen: Organisationschefin Gianna Angelopoulos-Daskalaki und Dora Bakoyannis, der ersten Bürgermeisterin in der 3000 Jahre alten Geschichte der Stadt. Doch die Strippenzieher hinter den Kulissen der Sportmaschinerie sind fast immer noch männlich.

Bei der Weltkonferenz "Frauen im Sport" im März in Marrakesch/Marokko verabschiedeten die Teilnehmer wie schon acht Jahre zuvor eine Resolution, wonach mindestens 20 Prozent Frauen in allen Gremien des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) sowie der nationalen und internationalen Verbände mitarbeiten sollen. Doch nach wie vor sind es nur etwa acht Prozent. Wie in der Arbeitswelt tut sich der Sport schwer, Führungspositionen an Frauen zu vergeben.

Im IOC nur weniger als zehn Prozent weibliche Mitglieder
Von den 112 Mitgliedern des IOC sind nur 12 weiblich, an der Spitze der mächtigen Dachorganisation haben bisher nur "Herren der Ringe" das Sagen. Immerhin soll die Schwedin Gunilla Lindberg Nachfolgerin von Thomas Bach als Vizepräsidentin werden - sie wäre die zweite in der Geschichte des IOC nach der Amerikanerin Anita Defrantz.

Immerhin hat der Anteil von Sportlerinnen bei Sommerspielen in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr zugenommen: Noch 1988 in Seoul waren nur ein Viertel der Olympia-Teilnehmer weiblich. In Athen stellen die 4.200 Frauen 40 Prozent der Teilnehmer. Österreich ist mit 54 Herren bzw. 20 Frauen in der griechischen Metropole vertreten.

Hälfte der Nationen schickten nur Männer
Aber auch vor diesen Spielen protestiert die Bewegung "Atlanta, Sydney, Athen plus" dagegen, dass immer noch ein halbes Dutzend Nationen angekündigt hat, nur Männer für die Wettbewerbe zu melden. Für Frauen und Mädchen aus islamistischen Staaten ist schon die Sportbekleidung ein riesiges Problem. Wer sich aus religiösen Gründen verschleiert in der Öffentlichkeit bewegt, wird kaum im Bikini vor Fernsehkameras - und damit vor den Augen der Welt - Volleyball spielen.

Die "Spielwiese" unter den fünf Ringen verdeutlicht auch die unterschiedlichen Fortschritte in der Emanzipation. So gibt mit der 47-jährigen Tennisspielerin Martina Navratilova (USA) eine "Grande Dame" ihr Olympia-Debüt, die sich als erster Sportstar als Lesbin geoutet hat.

Frauen erstmals 1900 bei Olympia
1900 in Paris hatten erstmals überhaupt Frauen an den Spielen teilgenommen. Ladylike waren damals allerdings nur Tennis und Golf. Noch 1908 wurde eine nassforsche Schwimmerin namens Annette Keller ins Gefängnis von Boston gesteckt, weil ihr Einteiler nicht die Waden bedeckte. Die Amerikanerin verstand die Aufregung nicht: "Es gibt doch auf der Welt genug Wasser für uns alle."

Nur mühsam schwammen sich die Sportlerinnen frei. 1984 in Los Angeles gab es für die Langstreckenläuferinnen erstmals einen Marathon, erst 1996 in Atlanta wurde Frauen-Fußball olympisch. Die Protagonisten mussten wie in kaum einer anderen Sportart gegen Vorurteile ankämpfen. Bis auf Boxen herrscht heute Gleichberechtigung, doch ist auch unter Frauen der Faustkampf umstritten.

Im Kugelstoßen kehren die Frauen mit ihrem Wettkampf am 18. August im heiligen Hain von Olympia an die Ursprungsstätte der Spiele zurück, wo sie früher am Liebsten als Prostituierte gesehen wurden. Jeder verheirateten Frau, die es wagte, "die Spiele durch ihre Gegenwart zu entweihen", drohte die Todesstrafe. Aber nicht nur das weibliche Geschlecht muss im Zeichen der olympischen Ringe um Gleichberechtigung kämpfen. Der amerikanische Synchronschwimmer Bill May darf nicht im "gemischten Doppel" mit Kristina Lum antreten: Dieser Sport bleibt Frauensache.
(apa)

9.8.2004 12:11