Samstag, 14. August 2004

Verhandlungen zur Beendigung der Kämpfe in Najaf gescheitert

  • Al-Sadr einverstanden mit Entsendung von UN-Truppen
  • Irakische Regierung will Kampf wieder aufnehmen

Nach dem Scheitern der Verhandlungen zwischen der irakischen Regierung und dem radikalen Schiitenprediger Moktada al-Sadr in Najaf haben sich die Fronten wieder verhärtet. Der Sicherheitsberater der Regierung, Muwaffak al-Roubai, sagte am Samstag laut dem US-Nachrichtensender CNN voraus, dass die Kämpfe bald wieder aufgenommen würden. Er bedauerte das Scheitern der Gespräche, die am Vortag nach neuntägigen Kämpfen begonnen hatten. Bei Gefechten und Anschlägen in anderen Städten des Irak starben rund 100 Menschen.

Innenminister Falah al-Nakib forderte erneut, Sadrs Miliz müsse aufgelöst werden. Auf einer Pressekonferenz in Bagdad betonte der Minister, die Position der Regierung sei in dieser Hinsicht eindeutig und werde sich nicht ändern. Sadr hatte verlangt, dass seine so genannte Mahdi-Armee als religiöse Bewegung anerkannt werde. Die Männer sollten zu ihrer Selbstverteidigung Waffen tragen dürfen. Sadr sagte nach dem Scheitern der Verhandlungen, die Übergangsregierung sei "schlimmer als Saddam Hussein" und verlangte ihren Rücktritt. Sein Sprecher Ali Somaysem sagte dem arabischen Sender Al Jazeera, US-Panzer rollten bereits wieder auf die Stadt zu.

Die amerikanischen Soldaten hatten sich nach Beginn der Waffenruhe auf eine Distanz von rund sieben Kilometer vom Stadtzentrum zurückgezogen. Gleichzeitig marschierten Tausende von Anhängern des Schiitenpredigers nach Najaf, um Sadr zu unterstützen. Sie versammelten sich um die Imam-Ali-Moschee, die weiter von Sadrs Miliz kontrolliert wurde. Die Moschee ist eines der wichtigsten Heiligtümer der Schiiten.

Der Schiitenprediger hatte am Freitagabend erklärt, dass er Najaf nicht verlassen wolle. "Wir werden hier bleiben und die heiligen Stätten verteidigen - bis zum Sieg oder Martyrium", sagte Sadr laut Al Jazeera. Die Fernsehbilder zeigten ihn in der Imam-Ali-Moschee mit einer verbundenen Hand. Angeblich soll er bei einem US-Granatenangriff verwundet worden sein.

Während in Najaf die Waffen schwiegen, gab es am Samstag weitere Kämpfe in Hilla südlich von Bagdad zwischen Schiiten-Milizen, Koalitionstruppen und der irakischen Polizei. Die irakische Polizei sprach nach CNN-Angaben von 40 getöteten Rebellen und 3 getöteten Polizisten. Mehrere polnische Soldaten, die in einer Polizeistation eingeschlossen waren, kamen nach mehrstündiger Belagerung frei. Auch nördlich von Bagdad flammten Kämpfe in der Stadt Samarra auf. Nach Angaben der US-Armee wurden dabei 50 Rebellen getötet.

In Falluja starben laut Al Jazeera zwei Iraker bei einem amerikanischen Luftangriff. Im Raum Kirkuk im Norden des Landes wurden nach Polizeiangaben zwei Iraker bei Anschlägen getötet, ein weiterer kam bei einem Gefecht mit US-Soldaten in der Stadt Rejad ums Leben. Al Jazeera berichtete am Samstag auch von einer Explosion an einer Ölpipeline südlich von Bagdad. Zuvor hatte es Geheimdienstinformationen über bevorstehende Anschläge gegen Öleinrichtungen gegeben.

In Bagdad kommt an diesem Sonntag die so genannte irakische Nationalkonferenz zusammen. Deren 1000 Mitglieder aus allen Schichten der Bevölkerung sollen die Vertreter eines Nationalrates wählen. Dieser soll als eine Art Übergangsparlament die Regierung bis zu den Wahlen beraten. Aus Sicherheitsgründen verhängte die Regierung über mehrere Stadtteile eine Ausgangssperre.

Der Chef der irakischen Übergangsregierung, Iyad Allawi, zählt beim Wiederaufbau seines Landes auf die Unterstützung Deutschlands und Frankreichs. Er hoffe, dass sich die beiden entschiedenen Gegner der Militärinvasion an der Stabilisierung des Irak beteiligten, sagte Allawi dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel".

Unterdessen wurde der Führer der Schiiten im Irak, Großayatollah Ali al-Sistani, in London erfolgreich am Herzen operiert. Das gab das Büro Sistanis in der britischen Hauptstadt am Samstag bekannt. Der 73-Jährige hatte sich "tief bekümmert" über die Gewalt in Najaf geäußert. (apa/red)

14.8.2004 07:39