Sonntag, 8. August 2004

Kritik an Austragungsort der Kugelstoß- bewerbe: Areal für Archäologen Kultstätte

  • Wettkampf auf halbinsel Peloponnes, wo 776 vor Christus die ersten Spiele überhaupt stattfanden

In der Olympischen Akademie werden die Betten bezogen, vor dem heiligen Hain die ersten Container fürs Fernsehen aufgestellt und im Ort die letzten Parkplätze asphaltiert. Das antike Olympia rüstet sich für den Ansturm zum Kugelstoß-Wettbewerb am 18. August. "Das wird neben dem Marathon ein ganz besonders erinnerungswürdiges Ereignis dieser Olympischen Spiele", glaubt der deutsche IOC-Vizepräsident Thomas Bach.

Das Kugelstoßen geht an jener Kultstätte auf der Halbinsel Peloponnes in Szene, wo im Jahr 776 vor Christus die ersten Spiele überhaupt stattgefunden haben sollen. Weniger begeistert sind die Archäologen über die erwarteten 15.000 Zuschauer, 200 Fotografen und Journalisten, 150 TV-Mitarbeiter und 64 Athleten.

In der Antike mussten die Teilnehmer in Elis ein 30-tägiges Pflichttraining über sich ergehen lassen und dann die 60 Kilometer nach Olympia marschieren. Die Athleten 2004 haben es bequemer: Sie werden zwei Tage vor dem Wettkampf zum Militärflughafen in Andrawida geflogen und ins 35 Kilometer entfernte Alpheiostal gebracht. Die Kugelstoßer werden in der Olympischen Akademie untergebracht. Dort wartet auf die Auserkorenen nicht nur der ohrenbetäubende Lärm der Zikaden: In der pittoresken Anlage duftet es nach Rosen, Eukalyptus und Orangen.

In den Gästehäuschen wird es eng für die Muskelpakete: Zwei Betten, die nur Normalmaß haben, ein schmales Bad und eine Kleiderkammer, in die kaum mehr als zwei große Sporttaschen passen. Trainingsplatz und Pool liegen vor der Tür, das Stadion ist nur wenige Gehminuten entfernt. Dort maßen sich die alten Griechen im Wettlauf, Faustkampf, Pentathlon, Pankration (Allkampf), Ringen und Wagenrennen - aber nicht im Kugelstoßen.

Erstmals werden nun am 18. August auch Frauen Olympia erobern: Bei den Festen zu Ehren des Göttervaters Zeus, als die Athleten noch nackt um Ruhm und Ehre kämpften, durfte nur das ledige weibliche Geschlecht zusehen. Verheiratete Frauen wurden unter Androhung der Todesstrafe ausgeschlossen.

Das alte Olympia, 320 Kilometer westlich von Athen, wurde seit 1875 hauptsächlich von deutschen Archäologen ausgegraben und steht vor der Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes. Wissenschaftler sind Sturm gelaufen gegen die Entscheidung, hier einen Wettkampf auszutragen. Doch das Organisationskomitee ATHOC hat versprochen, "die antike Stätte zu respektieren".

So werden die Kugelstoßer Leichtathletik pur erleben: Keine Fahnen und Werbebanden wird es geben, keine Videowand und keine Beleuchtung. Nur auf einer mechanischen Anzeigetafel wird über den Stand informiert. Die 15.000 Zuschauer werden sich auf den mit Gras bewachsenen Erdwällen niederlassen. Lediglich die Mitglieder der "olympischen Familie" bekommen ein paar Stühle. Wenn es um das Wohl der VIPs geht, kennt die Liebe zur Antike doch noch Grenzen.
(apa)

8.8.2004 14:33