Montag, 2. August 2004

"Zum Spaß" gefoltert: Ermittler glauben bei
England-Anhörung nicht an Befehls-Version

  • Offizier: "Im Grunde war es um Dampf abzulassen"
  • PLUS: Die BILDER aus dem Gefängnis des Grauens

US-Soldaten haben irakische Gefangene im Gefängnis Abu Ghraib bei Bagdad nach den Worten eines Militärermittlers aus Spaß misshandelt und gefoltert. "Im Grunde war es so zum Spaß und um Dampf abzulassen", sagte Offizier Paul Arthur, der die Ermittlungen zu den Misshandlungen in Abu Ghraib leitet, am Dienstag zu Beginn der Anhörung der in den Skandal verwickelten Soldatin Lynndie England. Die Beschuldigte ist nach ihrem ersten Auftritt der Anhärung ferngeblieben. Die schwangere Frau fühle sich "unwohl", so ihr Anwalt Hernandez.

Er beschuldigte die US-Regierung, an der Soldatin ein Exempel für den Gefangenen-Skandal statuieren zu wollen und sie als "Sündenbock" zu missbrauchen. Am Morgen hatte die 21-Jährige keinerlei Regung gezeigt, als sie in Uniform den Gerichtssaal betrat.

Ermittler: Keine Hinweise auf Befehle
Sonderermittler Warren Worth sagte aus, es gebe keine Hinweise darauf, dass es Befehle von Militärs höheren Rangs zum Foltern gegeben habe. Das Militärgericht in Fort Bragg soll entscheiden, ob die schwangere Soldatin und sechs weitere US-Soldaten offiziell angeklagt werden. Im Falle einer Verurteilung drohen den Soldaten unehrenhafte Entlassungen aus der Armee und bis zu 38 Jahre Haft.

Arthur war der erste, der sich in der Anhörung äußerte. Ihm zufolge sagte England im Jänner unter Eid aus, ihr Vorgesetzter Charles Graner habe sie unter anderem zum Posieren für das weltweit bekannt gewordene Foto aufgefordert, auf dem die 21-Jährige einen nackten irakischen Gefangenen an einer Hundeleine hält. US-Medienberichten zufolge soll Graner auch der Vater von Englands Kind sein.

England antwortete militärisch-zackig
Englands Anhörung war schon zwei Mal verschoben worden. Am Dienstag erschien sie in Uniform, schwarzen Stiefeln und mit Barett vor dem Gerichtsgebäude. Flankiert von ihren Anwälten ging sie kommentarlos an den Dutzenden Reporter-Teams vor dem Gebäude vorbei, direkt in den holzgetäfelten Gerichtssaal, in dem sie aussagen musste. Auf Fragen der Militärrichterin Denise Arm antwortete sie militärisch-zackig mit "Ja, Ma'am" und "Nein, Ma'am".

Die Fotos aus dem Gefängnis hatten in der ganzen Welt Entsetzen ausgelöst und die US-Regierung in Bedrängnis gebracht. England, die nach Meinung ihrer Anwälte zum weltweiten Sinnbild der verfehlten US-Irak-Politik geworden ist, drohen unter anderem Anklagen wegen Misshandlung von Gefangenen, Körperverletzung, sexuellen Missbrauchs und Besitz pornografischen Materials.

Hat England nur Befehle befolgt?
England hatte schon früher erklärt, sie habe auch in den auf Fotos festgehaltenen Szenen nur die Befehle ihrer Vorgesetzen ausgeführt. US-Präsident George W. Bush hingegen hatte den Soldaten die alleinige Schuld an dem Folter-Skandal gegeben. Auch das Verteidigungsministerium hatte verneint, Anweisungen zu den Misshandlungen gegeben zu haben.

Sonderermittler Worth sagte vor dem Militärgericht aus, er habe keine Hinweise darauf gefunden, dass solche Befehle aus der Befehlskette oberhalb des Rangs Graners oder des Offiziers Ivan Frederick, gegen den auch ermittelt wird, gekommen seien. "Wenn wir von ranghöheren Personen sprechen... Ich hatte keinen Hinweis darauf, dass jemand davon wusste." Die Anwälte Englands dürfen während der Anhörung selbst Zeugen aufrufen lassen. Ihre Anfrage, US-Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in den Zeugenstand zu rufen, seien allerdings abgelehnt worden, sagten sie. (apa/red)

2.8.2004 22:32