Donnerstag, 29. Juli 2004

Moderne Meuterei auf der Bounty-Insel: Einwohner stellen britische Hoheit in Frage

  • Nachfahren der Meuterer streiten für Unabhängigkeit
  • "Andere kulturelle Werte" versus britischem Recht

Von Südsee-Feeling ist auf der Insel Pitcairn im Moment wenig zu bemerken. Unter den 44 Bewohnern der 4,35 Quadratkilometer großen Pazifik-Insel herrscht eher Rebellenstimmung. Die Nachfolger der Meuterer von der "Bounty" machen ihren Vorfahren alle Ehre und streiten für die Unabhängigkeit des äußerst fruchtbaren Eilands. Der Grund ist simpel: Sie wollen sich nicht dem britischen Recht beugen.

Die Menschen in Pitcairn sind stolz auf ihre Geschichte, stolz auf den Steuermann Fletcher Christian, der für sich und acht Matrosen vor mehr als 200 Jahren ein Leben in Freiheit erkämpfte. Er zettelte eine Meuterei auf der "Bounty" an, auf dem Segelschiff, das der gestrenge Kapitän William Bligh im Dienste der britischen Krone durch die Südsee steuerte.

Heute leben noch 44 Menschen auf dem fruchtbaren Eiland. Sie begreifen sich als direkte Nachfahren der Meuterer, und einige von ihnen stellen mit dieser Argumentation nun sogar die britische Hoheit in Frage. Allerdings geht es den sieben Männern vor allem um eins: Das Recht der Krone soll in ihrer Heimat nicht gelten. Den Männern wird nämlich Missbrauch, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung in 96 Fällen vorgeworfen. Unter ihren Opfern sollen auch Kinder sein.

"Andere kulturelle Werte"

Während das in Großbritannien natürlich als Verbrechen geahndet wird, scheinen die Inselbewohner das anders zu sehen. Dem "New Zealand Herald" sagte kürzlich ein Nachfahre Fletcher Christians, der Vorwurf der sexuellen Nötigung beruhe auf anderen kulturellen Werten. Und ein anderer Einwohner wird zitiert: Sex mit 12-Jährigen sei auf der Insel relativ normal.

Die Entscheidung, ob Pitcairn britisch ist oder nicht, ist also Grundlage für den Missbrauchsprozess, der im September beginnen soll. Die Staatsanwaltschaft erklärte, in Pitcairn gelte natürlich britisches Recht. 1887 wurde die Insel zur Kolonie erklärt, seither besitzen die Einwohner britische Pässe. Und bis zum jetzigen Zeitpunkt, so Staatsanwalt Keiran Raftery, habe sich auch noch kein Einwohner darüber beklagt. (dpa)

29.7.2004 14:09