Sonntag, 1. August 2004

Flammen-Inferno in Paraguay: Über 300 Tote wegen versperrten Kaufhaus-Türen!

  • "Niemand kommt hier raus": Staatanwaltschaft ermittelt gegen Besitzer - PLUS: Die Bilder der Katastrophe

Nach dem Feuerinferno in einem Einkaufszentrum in Paraguay mit mehr als 320 Toten sind schwere Vorwürfe gegen den Besitzer der Anlage erhoben worden. Der Besitzer des Zentrums sitzt nach der Katastrophe, die am Sonntag in Asuncion vermutlich durch eine Gasexplosion ausgelöst wurde, in Untersuchungshaft. Er soll die Schließung aller Ein- und Ausgänge angeordnet haben, um Plünderungen zu verhindern. "Sie haben bei Feuerausbruch sofort alle Türen geschlossen", erzählten Überlebende. Viele Flüchtende wurden so in dem Gebäude eingeschlossen, wo sie qualvoll erstickten oder verbrannten.

Am Montag nach der Tragödie herrschte in den Krankenhäusern der Hauptstadt des südamerikanischen Landes nach Angaben des Roten Kreuzes Chaos. Mehr als 300 Menschen wurden laut Medien zum Teil schwer verletzt. Staatspräsident Nicanor Duarte Frutos ordnete eine dreitägige Staatstrauer an. Von mindestens 323 Toten berichteten Medien unter Berufung auf Behörden. Zuletzt seien nach Wiederaufnahme der Bergungsarbeiten 27 verkohlte Körper gefunden worden, sagte Generalstaatsanwalt Oscar Latorre. "Es handelt sich dabei unter anderen um 13 Kinderleichen."

"Kinder, Rentner, schwangere Frauen"
Die nationalen TV-Sender zeigten immer wieder Bilder von unzähligen schreienden und weinenden Menschen inmitten von Rauchwolken und Sirenengeheul. Stundenlang zogen Feuerwehrmänner und freiwillige Helfer leblose Körper und Schwerverletzte aus dem Inneren des Gebäudes. "Ich habe so etwas noch nie gesehen", meinte sichtlich geschockt der Gesundheitsminister Julio Cesar Velazquez. "Es ist unglaublich, wie viele Menschen betroffen sind. Ich sehe Kinder, Rentner, schwangere Frauen."

Zwei Gasexplosionen in Restaurant
Auslöser des Unglücks waren nach ersten Ermittlungen zwei Gasexplosionen in einer Restaurantküche am Sonntag gegen 17.30 Uhr MESZ. Rasend schnell breiteten sich die Flammen im Zentrum aus, in dessen Geschäften und Restaurants sich rund 700 Menschen aufgehalten haben sollen. Passanten beobachteten den Todeskampf der Eingeschlossenen. Sie versuchten laut Medien, auch von außen Türen einzutreten und dicke Schaufensterscheiben einzuschlagen. Einigen sei das gelungen.

"Niemand kommt hier raus"
Rosa Resquin, eine der Überlebenden berichtete, wie sie eine heftige Explosion, gefolgt von zwei kleineren Detonationen, hörte. Dann hätten Wachleute gerufen, "schließt sie zu, schließt sie zu; niemand kommt hier raus ohne zu zahlen". Kurz darauf seien die Ausgänge verriegelt gewesen. In dem Einkaufszentrum brach Panik aus. Auch Feuerwehrsprecher Roque Gonzalez bestätigte, dass die Rettungskräfte bei ihrer Ankunft vor verschlossenen Türen standen. Einer der Wachleute habe sogar Schüsse auf die Retter abgegeben.

"Es regnete Feuer"
"Es regnete Feuer, als ich gerade an der Kasse bezahlte", sagte ein 23-jähriger Student. "Wie durch ein Wunder kam ich raus, bevor sie die Türen schlossen." "Sie schlossen die Türen vor unserer Nase", sagte die 17-jährige Patricia Benitez, die mit Verbrennungen zweiten Grades ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

Viele starben an Rauchvergiftung
Laut Feuerwehrchef Hugo Onieva starben die meisten Menschen an Rauchvergiftung: "Hätte man sie nur 'rausgelassen, dann wäre das nicht passiert." Die Staatsanwaltschaft leitete gegen den Eigentümer des Einkaufszentrums, Juan Pío Paiva, und seinen Sohn Ermittlungen wegen Totschlags ein. Paiva bestritt am Montag jedoch, die Schließung der Ausgänge angeordnet zu haben. "Ich fühle mich absolut unschuldig", sagte Pio Paiva nach Polizeiangaben bei seinem Verhör am Montag. Er bedaure, was geschehen sei.

Gesichter des Entsetzens
Polizeisprecher Santiago Velazco indes berief sich auf mindestens 20 Zeugen, die versicherten, dass die Menschen an der Flucht aus dem Gebäude gehindert wurden. Er gestand, in seiner 36-jähriger Laufbahn noch nie vor so viel Grauen gestanden zu haben. Überall hätten Leichen von Erwachsenen und Kindern gelegen, auf deren Gesichtern das Entsetzen "festgefroren" gewesen sei. Zur Rettung der Verletzten riefen die Behörden die Bevölkerung zu Blut- und auch Medikamentenspenden auf.

Öffentliche Krankenhäuser überfüllt
Kirchen, Sportplätze und Nachtclubs wurden neben Krankenhäusern zur Behandlung der Verletzten und zur Leichenaufbewahrung benutzt. Präsident Duarte Frutos verfolgte die Rettungsarbeiten am Ort. Er rief private Kliniken zur Aufnahme von Verletzten auf. Die öffentlichen Krankenhäuser hätten nicht genügend Kapazitäten.

Sicherheitseinrichtungen ungenügend
Ein Feuerwehrsprecher sagte, das Einkaufszentrum habe nicht über die vorgeschriebenen Sicherheitseinrichtungen verfügt. Es habe weder genügend Notausgänge noch Brandbekämpfungsgeräte gegeben. Der Besitzer Juan Paiva wies jede Schuld von sich und sprach von einem Sabotageakt. Die Staatsanwaltschaft will auch gegen die Firma ermitteln, die den Komplex gebaut hat. Auch die Beamten, die den Betrieb des Zentrums genehmigt haben, sollen sich rechtfertigen.

Dreitägige Staatstrauer
Präsident Duarte begab sich zum Unglücksort, um persönlich die Bergungsarbeiten zu überwachen. Er sprach von einem "außerordentlich schmerzlichen Moment" und ordnete dreitägige Staatstrauer an. An allen öffentlichen Gebäuden wurden die Fahnen auf Halbmast gesetzt. Parlamentspräsident Miguel Carrizosa bezeichnete den Brand als die "schwerste Tragödie seit dem Chaco-Krieg" gegen Bolivien von 1932 bis 1935. Aus aller Welt trafen Beileidsbekundigungen ein. (apa/red)

1.8.2004 20:21