SPÖ-Politiker für Abschaffung: Anrede
"Genosse" nicht mehr zeitgemäß?
- Abgeordneter Gerhard Köfer: "Wort stößt absolut auf"
- Kärntner Bürgermeister will im Herbst Vorstoß machen
Ist die Anrede "Genosse" im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß? Der Kärntner SPÖ-Abgeordnete Gerhard Köfer ist auf jeden Fall dieser Meinung und will die sozialdemokratische Traditionsanrede abschaffen. "Dieses Wort stößt absolut auf, doch niemand will sich daran wagen, künftig darauf zu verzichten", erklärte Köfer gegenüber der APA. Er wolle jedenfalls die Diskussion darüber in Gang setzen.
Köfer, erfolgreicher Bürgermeister von Spittal/Drau und seit kurzem auch Bezirksobmann, will "stellvertretend für viele Parteimitglieder" die Diskussion für eine "moderne, zeitgemäße und sympathische" Sozialdemokratie führen. Als "völlig unnotwendig" erachte er die in SPÖ-Kreisen noch immer gerne verwendete Anrede "Genossinnen und Genossen", wird er in der jüngsten Ausgabe der "Kärntner Woche" zitiert. Dies werde jedoch "von vielen Parteimitgliedern, nicht nur jüngeren", nicht mehr gewünscht.
Köfer will sich daher für eine generelle Abschaffung dieser Anrede, vor allem in öffentlichen Auftritten der SPÖ, einsetzen. Einen entsprechenden Antrag will er beim Landesparteitag am 30. Oktober d.J. in Villach einbringen. "Ich weiß, dass es wichtigere Themen gibt", sagte er. "Aber der Zeitpunkt ist günstig und es wäre vor allem ein symbolischer Akt, um unsere Partei noch sympathischer und offener werden zu lassen." Genosse sei "kein Grundwert der SPÖ". Die Werte, für die er kämpfe und hinter denen er stehe, "heißen Solidarität, Gleichheit und Gerechtigkeit", betonte Köfer und fügte hinzu: "Wenn Alfred Gusenbauer Bundeskanzler werden will, ist er gut beraten, wenn er diese Diskussion unterstützt."
Das Wort "Genosse" geht auf das mittelhochdeutsche "genoze" zurück. Es gehört zur Wortgruppe von "genießen" und bezeichnete einen Menschen, der mit einem anderen die Nutznießung einer Sache gemeinsam hat. Bis Ende des 19. Jahrhunderts wurde "Genosse" im sinne von Gefährte, Gleichgestellter verwendet. In der Sozialdemokratie wurde "Genosse" erstmals 1875 bei der Vereinigten Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands als Anrede eingeführt.
In Österreich hatte es schon einmal eine Diskussion um "Genosse" gegeben. 1988 hatte der damalige SPÖ-Zentralsekretär Heinrich Keller erklärt, der Begriff "Genosse" sei von einer Tradition zu einem Ritual geworden. Vom ehemaligen Vorsitzenden und Bundeskanzler Franz Vranitzky wiederum weiß man, wie schwer es ihm gefallen ist, das Wort "Genosse" in den Mund zu nehmen. Er sprach SPÖ-Funktionäre lieber als "Freunde" oder "Kolleginnen und Kollegen" an.(apa/red)
