Mittwoch, 14. Juli 2004

Klestil: Sein letzter Weg

  • An seinem Grab: Österreich und die Welt

Seit dem Wiener Kongress sah Wien nicht mehr so viele Oberhäupter und Spitzenpolitiker. Das Klestil-Begräbnis als nationaler und internationaler Spitzenevent.

Fast eine volle Stunde lang wartete Reinhard Mörz in der endlos langen Reihe der Kondolenten, ehe er – in der Uniform eines Chefarztes des Innenministeriums – an der offenen Gruft als Letzter der Familie des Verstorbenen seine Betroffenheit bekunden konnte. Jahrelang war Mörz der persönliche Arzt von Thomas Klestil. Niemand kannte das durch mehrere schwere Krankheiten überlagerte Leiden des Bundespräsidenten besser als er.

Hofrat Mörz ist ein aufopfernder Arzt, ein pflichtgetreuer Beamter. Keine der zahllosen In- und Auslandsreisen des Staatsoberhauptes fand in den vergangenen Jahren ohne ihn statt. Ausgestattet mit zwei überschweren Rettungskoffern, folgte der geduldige Mediziner dem Präsidenten auf Schritt und Tritt.
Und so wurde er Zeitzeuge.

Reinhard Mörz war dabei, als sich am 18. November 1999 die Staats- und Regierungschefs der 54 OSZE-Länder im Ballsaal des Ciragan-Palastes in Istanbul zum großen Gipfelbankett trafen. „Ich habe erlebt, was sich damals wirklich abgespielt hat“, erinnert sich Mörz. Da saßen nämlich am prominentesten Tisch des Saales Bill Clinton, Boris Jelzin, Jacques Chirac, Kofi Annan, der finnische EU-Vorsitzende Martti Ahtisaari, Václav Havel und Thomas Klestil an einem Tisch. Nach dem Essen war es zu einem Dreiergespräch zwischen Gerhard Schröder, Boris Jelzin und Jacques Chirac gekommen, bei dem Jelzin sehr scharf auf das Thema Tschetschenien angesprochen wurde. Wutentbrannt verließ der russische Präsident daraufhin nach zehn Minuten den Saal. Und ein grantiger Chirac stieß gemeinsam mit Klestil auf den (damaligen) Außenminister Wolfgang Schüssel.

Was dann passierte, war der Anfang der späteren Sanktionen: Wenn die bürgerliche ÖVP jemals mit der extremen FPÖ eine Koalition eingehen sollte, werde die Union Maßnahmen ergreifen, drohte Chirac dem österreichischen Kanzler. Aber der zerstreute die Bedenken des mächtigen Franzosen: Die ÖVP denke nicht an eine Koalition mit den Freiheitlichen.

Das Versprechen wurde mit Handschlag besiegelt. Und wenige Wochen später gebrochen.

Wie in Istanbul angedroht, verhängten 14 EU-Staaten – über Initiative von Jacques Chirac – am 7. Februar 2000 über die österreichische Bundesregierung die unsäglichen Sanktionen. Und weil sich Jörg Haider wenige Tage zuvor, anlässlich der Feier seines 50. Geburtstages auf der Gerlitzen, wüst über Belgien (Stichwort: Staat der „Kinderschänder“) ausgetobt hatte, griff der belgische Außenminister Louis Michel die Chirac’sche Sanktionsoffensive freudig auf. Deutschlands Außenminister Fischer folgte ihr.

In einem atemberaubenden Konstrukt aus Lügen, Verdrehungen und Missverständnissen wurden danach hintereinander Thomas Klestil, Viktor Klima, Heinz Fischer und Hannes Swoboda bezichtigt, sich im Ausland die Sanktionen „gegen Österreich“ bestellt zu haben.

Reinhard Mörz, der Arzt des Bundespräsidenten, ist der einzige – objektive – Zeitzeuge, der beweisen kann, dass es in Wirklichkeit ganz anders war.
Er weiß, wie sehr seit Jahren gelogen wird.

Österreich – ein Land der Lügner und Heuchler: Gerd Bacher, einer der wortgewaltigsten Unbequemen der Republik, war der Erste, der die Unerträglichkeit posthumer Geschichtsklitterung ansprach. Klestil hätte es sich verdient, „wenn an seiner Bahre weniger geheuchelt“, weniger gelogen worden wäre.

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14.7.2004 16:55