Montag, 12. Juli 2004

Diskussion um Arbeitszeitverlängerung in Deutschland:Kein Ende der Debatte in Sicht

  • Schröder & IG-Metall-Chef gegen Arbeitszeitverlängerung
  • Merkel & Stoiber warnen vor überzogenen Forderungen

In seltener Eintracht haben sich Bundeskanzler Gerhard Schröder und IG-Metall-Chef Jürgen Peters gegen eine generelle Erhöhung der Wochenarbeitszeit ausgesprochen. Die Vorsitzenden von CDU und CSU, Angela Merkel und Edmund Stoiber, wiesen Forderungen nach einer 50-Stunden-Woche zwar ebenfalls als übertrieben zurück. Stoiber bekräftigte jedoch, dass in Deutschland länger gearbeitet werden müsse.

Unterdessen forderten Politiker von CDU und FDP eine Streichung von Feiertagen und eine bundeseinheitliche Regelung.

"Nicht die Fixierung auf eine Zahl ist richtig", warnte Schröder am Rande der Kabinettsklausur in Neuhardenberg. Vielmehr müssten deutsche Unternehmen in die Lage versetzt werden, auf Aufträge kurzfristig mit einer Erhöhung der Arbeitszeit reagieren und damit wettbewerbsfähig bleiben zu können.

IG-Metall-Chef Peters droht
Peters erklärte in der "Neuen Osnabrücker Zeitung", solange er Einfluss in der IG Metall habe, werde es weder eine generelle Verlängerung der tariflichen Wochenarbeitszeit noch eine Urlaubskürzung geben. Für weitgehend wirkungslos für den Arbeitsmarkt hält auch der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche. "Ich verspreche mir davon wenig. Die effektive Arbeitszeit ist ohnehin länger als die tarifliche", sagte er der "Welt am Sonntag".

Merkel warnte in der ARD davor, die Menschen mit einer "ziemlich schrecklichen" Maximalforderung nach einer 50-Stunden-Woche zu verstören, nachdem mit der Arbeitszeitverlängerung bei Siemens gerade erst ein Stück Mentalitätswandel erreicht worden sei.

Stoiber: "Es stimmt, dass die Deutschen im internationalen Vergleich zu wenig arbeiten"
Stoiber sagte dem Berliner "Tagesspiegel": "50 Stunden ohne Lohnausgleich ist eine Übertreibung." Der bayerische Ministerpräsident fügte aber hinzu: "Es stimmt, dass die Deutschen im internationalen Vergleich zu wenig arbeiten." Laut "Spiegel" strebt die CSU eine drastische Erhöhung der tariflichen Jahresarbeitszeit um bis zu 160 Stunden an. Auf der Klausurtagung der CSU-Landesgruppe diese Woche im Kloster Banz solle auch über eine Streichung von Feiertagen diskutiert werden.

"Bevor wir Urlaubstage streichen, sollten wir uns die Feiertage vornehmen. In Bayern haben die Leute 13 Feiertage, in Hamburg oder Schleswig-Holstein aber nur neun.", sagte der schleswig-holsteinische CDU-Chef Peter Harry Carstensen der "Bild am Sonntag". Dem schlossen sich Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) und FDP-Vize Rainer Brüderle an.

Keine Urlaubskürzungen
Zum Vorschlag von BDI-Chef Michael Rogowski, den Urlaub um eine Woche zu verkürzen, sagte der Präsident des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels, Hermann Franzen, in der "Bild"-Zeitung: "An den sechs Wochen Urlaub soll nicht gerüttelt werden." BASF-Chef Jürgen Hambrecht kritisierte: "Wer Deutschland allein durch längere Arbeitszeiten aus der Misere holen will, springt zu kurz."
(apa)

12.7.2004 09:32