Die Wiedergeburt der Olympischen Spiele: 1896 erste Wettkämpfe der Neuzeit
- Marathonsieger Spiridon Louis bekam Ziege, Eselkarren, Acker und lebenslang eine kostenlose Rasur
Als Spiridon Louis am 9. April von Athen nach Marathon kutschiert wurde, war er ein armer Hirte aus dem Dörfchen Maroussi bei Athen. Vielleicht war er auch Schäfer, Wasserträger, Postbote, Lauf- oder Pferdebursche des Obersten Papadiamantopoulos, der den ersten Marathonlauf der Sportgeschichte organisierte. Genau weiß es niemand mehr, fast jeder Olympia-Chronist hat seine eigene Version, wie in vielen anderen Einzelheiten der frühen Olympischen Spiele auch.
Als der 23-Jährige am 10. April gegen fünf Uhr Nachmittags ins runderneuerte Panathinäische Stadion einlief, war er ein gefeierter Mann, mit einem Platz in den Geschichtsbüchern. Dazwischen lagen damals 40 Kilometer, die sein Leben veränderten.
Marathon-Lauf als Höhepunkt der Spiele 1896
Das Rennen - 2385 Jahre und 203 Tage nach der Schlacht bei Marathon und dem tödlich endenden Lauf des soldatischen Siegesherolds nach Athen - bildete den Mittelpunkt der zehn Tage, die der Welt des Sports den Weg in eine bisher 108-jährige Erfolgsstory wiesen - mit einigen Irrwegen, natürlich: Die I. Olympischen Spiele moderner Zeitrechnung vom 6. bis 15. April 1896 in Athen. Als Griechenlands König Georg I. am Ostermontag vor 77.000 Zuschauern die Spiele eröffnete, hatte sich die Vision von Pierre de Coubertin (1863-1937) erfüllt. Sogar vier Jahre früher, als er wollte.
Der französische Pädagoge und Humanist hatte seine Idee von der Wiederbelebung der antiken Olympischen Spiele erstmals 1892 an der Pariser Sorbonne vorgetragen. Zwei Jahre später gründete er dort bei einem internationalen Kongress für Leibesübungen am 23. Juni 1894 das Internationale Olympische Komitee (IOC). Erster Präsident aber wurde der Grieche Demetrius Bikelas, der bei den 16 Gründungsmitgliedern durchsetzte, dass nur Griechenland für die Wiedergeburt der Spiele in Frage kam. Coubertin hatte den Olympia-Start für 1900 in Paris geplant.
Spiele im Jahr 393 verboten, weil kommerzielles Spektakel für Berufssportler
Das erste olympische Fest wäre beinahe an innenpolitischen Auseinandersetzungen in Griechenland gescheitert. Erst als Kronprinz Konstantin das Präsidium des Organisationskomitees übernahm, waren die Spiele gesichert - 1503 Jahre, nachdem Kaiser Theodosius die antiken Spiele im Jahre 393 n. Chr. verboten hatte, weil sie zu einem kommerziellen Spektakel für Berufssportler geworden waren und er in ihnen einen heidnischen Kult sah. Ohne Geld ging aber auch bei der Neuauflage nichts. Die Brüder Demetrius und Johannes Sacaraphos initiierten zur Finanzierung die erste olympische Briefmarkenserie, der in Alexandria lebende Grieche Giorgios Averoff bezahlte den Wiederaufbau des im 2. Jahrhundert nach Christus errichteten Marmorstadions aus seiner Privatschatulle.
Deutscher Carl Schuhmann erfolgreichster Sportler
Erfolgreichster Sportler - nur Männer (241) aus 14 Ländern waren in 9 Sportarten und 43 Wettbewerben am Start - wurde der Deutsche Carl Schuhmann (1869-1946), der in Berlin als Goldschmied arbeitete und diesem Beruf in Athen alle Ehre machte - auch wenn es noch keine Goldmedaillen zu gewinnen gab. Die Sieger erhielten neben einem Ölzweig eine Silbermedaille, die Zweiten eine Kupfermedaille, die Dritten gingen leer aus. Schuhmann, ein 68 kg leichtes Multitalent, gewann das ohne Gewichtslimit ausgetragene Ringen und drei Turnwettbewerbe. Dazu wurde er noch Dritter im beidarmigen Stoßen des Gewichthebens.
Erster Olympiasieger wurde der Amerikaner James Connolly
Der Amerikaner Thomas Burke galt nach seinen Siegen über 100 und 400 Meter als "Erfinder" des Tiefstarts, den er sich aber von seinem Landsmann Charles Sherrill, dem US-Sprintmeister von 1887, abgeschaut hatte. Erster Olympiasieger der Neuzeit und damit "Nachfolger" des antiken Premierensiegers Koroibas (776 v.Chr.) wurde der Amerikaner James Connolly, der den Dreisprung gewann. Weil er ohne Urlaub nach Griechenland gereist war, schloss ihn die Harvard-Universität vom Studium aus. Erst 1949 rehabilitierte die Uni den Journalisten und Schriftsteller durch die Verleihung der Ehrendoktor-Würde.
Connolly stand aber wie alle anderen in Athen im Schatten von Spiridon Louis. Der verbrachte die Nacht vor dem Rennen seines Lebens mit Beten in einer Kirche, ließ sich auf der Strecke bei mörderischer Hitze im Dörfchen Pikermi ein Glas Wein reichen und überholte erst drei Kilometer vor dem Ziel den Australier Edwin Flack, der die 800 m und..1500 m gewonnen hatte. Im Stadion begleiteten ihn König und Kronprinz auf den letzten Metern. Das IOC machte Louis eine Ziege, der König einen Eselskarren zum Geschenk. Der Staat setzte eine kleine Pension aus, sein Dorf schenkte ihm einen Acker. Ein Friseur und ein Schuhputzer versprachen, ihn lebenslang kostenlos zu rasieren und das Gehwerkzeug zu polieren. Noch am Abend wurde er im Triumphzug zurück nach Maroussi gebracht - den Ort, der inzwischen zum Stadtteil Athens geworden ist und in dem das Olympiastadion errichtet wurde, in dem am 13. August die 28. Olympischen Spiele eröffnet werden.
(apa)
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