Sex-Affäre in St. Pölten: Viele Katholiken drohen jetzt mit ihrem Austritt!

  • Bis zu 1/3 mehr als normal schwören der Kirche ab
  • Gespanntes Warten auf eine Reaktion des Vatikan

In der Sex-Affäre um das Priesterseminar in St. Pölten wartet man jetzt gespannt auf eine Reaktion des Vatikan. Gleichzeitig kommt Diözesanbischof Krenn kirchenintern immer mehr unter Druck. Die Auswirkungen der Sex-Affäre auf die Kirchenaustritte sind derzeit noch nicht abschätzbar. Fest steht: Zahlreiche Katholiken drohen bereits mit ihrem Austritt. Aus dem Wiener Rathaus heißt es, dass bis zu einem Drittel mehr Wiener das Austrittsformular ausgefüllt hätten.

Im Vorjahr sind 39.584 Katholiken ausgetreten, 2002 waren es 39.002 und 2001 33.857. Die größten Austrittwellen mit mehr als 44.000 gab es 1996 als Reaktion auf die Causa Groer und 1999 nach der Abberufung des populären Wiener Generalvikars Helmut Schüller.

Fast 39.000 Kirchenaustritte wurden 1998 registriert - eine Reaktion auf den Streit der Bischöfe anlässlich des Berichts der Kirche Österreichs an Rom, von dem sich Bischof Kurt Krenn distanziert hatte. Damals hatte Krenn an die Adresse von Kardinal Christoph Schönborn gesagt: "Die Lügner sollen das Maul halten". Der Leiter der Abteilung Kirchenbeitrag in der Finanzkammer der Erzdiözese Wien, Josef Weiss, bestätigte, dass angesichts der aktuellen Diskussion über die Vorkommnisse in St. Pölten viele Kirchenbeitragszahler ihren Unmut ausdrückten und auch mit dem Kirchenaustritt drohten. Das sei ein "gewohntes Bild". Weiss: "Die Einhebung des Kirchenbeitrags ist leichter und einfacher, wenn die Rahmenbedingungen sympathischer sind." Ob eine neuerliche Austrittswelle droht, ist laut Weiss schwer einschätzbar: "Das kann man noch nicht sagen." Die Sex-Affäre im Priesterseminar hat in St. Pölten selbst bisher nicht zu vermehrten Kirchenaustritten geführt. Laut Auskunft des Magistrats halte man derzeit bei 360 Austritten, was dem Jahresschnitt von rund 600 entspreche.

Staatsanwalt beurteilt am Montag Polizeibericht
Der kommende Montag könnte für den weiteren Verlauf der Sex-Affäre im Priesterseminar St. Pölten durchaus entscheidend sein. Dann nämlich dürfte Staatsanwalt Walter Nemec den am Freitag erhaltenen Polizeibericht beurteilen und kommentieren. In dem Papier sind unter anderem die Ergebnisse der Untersuchung jener acht Computer beinhaltet, die vor einigen Wochen in den Zimmern der Priesterseminaristen beschlagnahmt worden waren. Die PC wurden anschließend auf kinderpornografische Downloads geprüft.

Bundespräsident ist "betrübt und betroffen"
Er sei "betrübt und betroffen" gewesen, als er von der Sex- und Porno-Affäre am St. Pöltner Priesterseminar erfahren habe, sagte Bundespräsident Heinz Fischer Donnerstag Abend in der "ZiB". Stellungnahmen wie jene des steirische Diözesanbischof Egon Kapellari würden aber "in die richtige Richtung weisen", so das Staatsoberhaupt.

Schüller: "Es brennt!"
"Morgen ist Handlungsbedarf, nicht irgendwann", so Schüller in der "ZiB2" des ORF. Irgendein Zweifel über die Qualität der Priesterausbildung "schadet stündlich", schließlich gehe es nicht um einen Randbereich von Kirche, "es geht um ein Herzstück". "Es brennt", so das Fazit Schüllers. Schließlich gehe es nicht um einen Randbereich von Kirche, "es geht um ein Herzstück".

Innerkirchlich scheint Krenn isoliert. Bereits an den Tagen zuvor hatten sich zahlreiche Kirchenmänner sehr kritisch gezeigt, auch die Bischofskonferenz sprach von einem "dringenden Handlungsbedarf". Krenn selbst verbittet sich indessen mit deftigen Worten jede Einmischung seiner Bischofs-Kollegen in der Causa: "Das geht die Bischofskonferenz einen Dreck an", sagt Krenn in "News".

Schweigen aus dem Vatikan
Der Vatikan schweigt bis dato. Pater Eberhard von Gemmingen, Leiter der deutschsprachigen Sektion von "Radio Vatikan", meinte in der "ZiB 2", "es ist nicht Art des Vatikans, schnell zu reagieren." Insgesamt brauche es, um einer so schwierigen Sache gerecht zu werden, "ein bisschen Zeit". Schüller kritisiert die abwartende Haltung Roms als "vollkommen unangemessen", damit falle der Vatikan der Ortskirche in den Rücken.
(apa, red)

14.7.2004 22:32
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