Mittwoch, 7. Juli 2004

Griechenland: Olymp der Freude

  • Der Überraschungssieg bei der Fußball-Europameisterschaft lässt ein Land total aufleben
  • So will Athen trotz Chaos- & Terror-Angst mit den Olympischen Spielen auftrumpfen.

Hellas Im Hoch: Wir sind wieder wer: Promi-Griechen über eine Nation zwischen Selbstzweifel & Siegrausch.

Mit seinem Sieges-tor in der 57. Minute des EM-Finales elektrisierte Angelos Charisteas seine Nation. Millionen von Griechen verfielen ab diesem Moment in eine – wenigstens – 48 Stunden dauernde Euphorie. Athen stand Kopf. Und selbst Premierminister Kostas Karamanlis interpretiert den EM-Triumph nicht in sportlichen, sondern historischen Dimensionen: „Jetzt wissen wir, wozu wir Griechen fähig sein können. Wenn wir an etwas glauben, zusammenhalten, selbstbewusst und dynamisch etwas in Angriff nehmen, so schaffen wir alles.“

Das Timing dieses griechischen Überraschungssieges hätte kaum besser sein können. Wenige Wochen vor dem Beginn der Olympischen Spiele in Griechenland stand das Urlaubsland im eisigen Schatten der Spiele: Die Kosten für Olympia drohen von geschätzten sechs Milliarden auf bis zu zehn Milliarden Euro zu explodieren. Die Vier-Millionen-Stadt Athen gleicht immer noch einer Großbaustelle, wo an allen Ecken und Enden gearbeitet wird. Angesichts der chronischen Megastaus und einer drohenden Sondersteuer loderte die Olympiabegeisterung der Griechen auf Sparflamme. So sind bislang nur zwei Drittel der Tickets verkauft worden. Auch im Ausland wurde die Kritik an Griechenlands Olympiavorbereitungen immer lauter.

Raus aus dem Europa-Abseits. Dank der Heldensaga in Portugal soll sich nun das Blatt wenden. „Wir haben mit unserer Fußballmannschaft gezeigt, dass wir gründlich, besonnen und organisiert sind – und so gewinnen können“, betont auch Oppositionschef George Papandreou: „Alle diese Meldungen über das angebliche Chaos waren nichts als Vorurteile, die man unserem Land gegenüber hatte. Nun wissen es alle: Es gibt ein neues Griechenland.“

Mit ein Motor der neuen Olympiahoffnungen ist das Schicksal Portugals. Das im Finale geschlagene Gastgeberland der Fußball-EM hatte mit ähnlicher Vorauskritik zu kämpfen. Man befürchtete, das finanzschwache südeuropäische Land könnte mit der Austragung des Großereignisses überfordert sein. Dies wurde angesichts der als „EM der Rekorde“ gelobten Spiele längst Lügen gestraft.

Griechenlands neue Ära. Nun will ein fußballgestärktes Griechenland den gleichen Beweis antreten. Dabei spielt auch ein wenig Rache mit: Dass Griechenland nicht dazu auserkoren wurde, 1996 die 100. Olympischen Spiele auszutragen, empfand das geschichtsbewusste Land als Tiefschlag. Statt auf Athen fiel damals die Wahl auf Atlanta. Auch sonst boten die letzten Jahre den Griechen wenig Chancen auf eine Hebung des nationalen Stolzes: Die einzigen Nobelpreisträger, beide in Literatur, stammten aus den Jahren 1963 und 1979. Der Aufbruch Richtung Kerneuropa mit dem Beschluss der Währungsunion Anfang der Neunziger wurde eher skeptisch beäugt, weil niemand so recht daran glauben wollte, dass Griechenland – ehemals das Armenhaus Europas – tatsächlich 2001 in der Eurozone angekommen sein würde. Verdaut ist die Umstellung nicht: Den Griechen macht der (T)Euro immer noch schwer zu schaffen.

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7.7.2004 16:10