Sonntag, 11. Juli 2004

Flüchtlingsdrama vor Sizilien: "Cap Anamur" darf in Hafen anlegen!

  • Deutscher Kapitän in Polizeihaft genommen worden
  • Sudanesische Flüchtlinge durften an Land gehen

Das deutsche Flüchtlingsschiff "Cap Anamur" darf nach über dreiwöchiger Blockade durch die italienischen Behörden in den sizilianischen Hafen Porto Empedocle einlaufen. "Die Hafenpolizei hat uns um 10.12 Uhr die Einlaufgenehmigung erteilt", sagte der Kapitän. Die 37 an Bord befindlichen Flüchtlinge aus dem Sudan und Sierra Leone durften mittlerweile auch an Land.

Ein Bus brachte sie in ein Aufnahmelager in der nahe gelegenen Stadt Agrigento. Nach Angaben des deutschen Innenministeriums haben die Afrikaner so gut wie keine Aussichten, Asyl in Deutschland zu erhalten, wie sie es möchten.

"Unser Auftrag ist heute erfüllt, wir bringen Schiffbrüchige, die wir in internationalen Gewässern aufgenommen haben, in einen sicheren Hafen", erklärte der Chef der Kölner Hilfsorganisation Cap Anamur, Elias Bierdel, in einem Telefongespräch mit der Nachrichtenagentur AP von Bord des gleichnamigen Schiffes. Bierdel zeigte sich überrascht vom plötzlichen Nachgeben der italienischen Behörden. Kurz zuvor habe man der Hilfsorganisation noch mit staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gedroht. Dann sei plötzlich über Funk die Einfahrt in den Hafen freigegeben worden. "Das war fast ein Schock, eine riesige Freude. Wir haben uns hier in den Armen gelegen. Man konnte es fast kaum glauben."

Die Männer, die bis auf eine Ausnahme aus der sudanesischen Krisenregion Darfur stammen, waren von der Cap Anamur bereits vor drei Wochen im Mittelmeer aus Seenot gerettet worden. Sie trieben südlich von Sizilien in einem überfüllten Schlauchboot. Daraufhin hatten sich die italienischen Behörden geweigert, die Cap Anamur an Land gehen zu lassen. Das Schiff habe zuvor ein zu Malta gehörendes Seegebiet passiert; Asylanträge müssten deshalb dort gestellt werden, lautete die Begründung.

Im Laufe des Sonntags hatte sich das Drama zugespitzt. KapitänStefan Schmidt setzte vor Porto Empedocle zunächst einen Notruf ab und steuerte dann mit voller Fahrt den Hafen an. Das Flüchtlingsschiff wurde aber von italienischen Küstenwachtbooten, die ihm vor den Bug fuhren, gestoppt. Zuletzt hatten sogar die Vereinten Nationen Italien aufgefordert, die Flüchtlinge in den Hafen zu lassen.

Bierdel und der Kapitän des Schiffes, Stefan Schmidt, wurden inzwischen von der italienischen Polizei vernommen. Nach Angaben der italienischen Nachrichtenagentur ANSA stehen sie im Verdacht, mit der Rettungsaktion die illegale Einwanderung nach Italien unterstützt zu haben. Schmidt ist nach langem Verhör in Polizeihaft genommen worden. Auch die Flüchtlinge wurden auf einer Polizeistation befragt.

Die 36 sudanesischen Flüchtlinge und die eine Person aus Sierra Leone können kein Asyl in Deutschland beantragen. "Ein deutsches Schiff ist kein deutsches Hoheitsgebiet", stellte am Montag in Berlin der Sprecher des Innenministeriums, Rainer Lingenthal, klar. Ein Asylgesuch sei deshalb ohne Wirkung.

Der Sprecher verwies darauf, dass allein Italien für die Flüchtlinge zuständig sei. Sie müssten in dem Land, dass sie zuerst erreichten, einen Antrag stellen. Die Schiffsherkunft spiele keine Rolle. Die von Deutschland angestrebte humanitäre Lösung bestehe darin, dass Italien die Flüchtlinge aufnehme.

Cap-Anamur-Chef Bierdel hat unterdessen weitere Rettungsaktionen angekündigt. "Wir hoffen, dass wir nach dem Muster, das wir hier einmal konfrontativ durchstehen mussten, weiter verfahren dürfen. Denn da draußen auf dem Meer geht das Sterben der Flüchtlinge weiter. Der Einzige der sich darum kümmern will, Cap Anamur, muss dies weiter dürfen. Es darf nicht sein, dass Bürokraten verhindern, dass Menschenleben gerettet werden." (apa/red)

11.7.2004 19:52