Samstag, 10. Juli 2004

Abschied von Bundespräsident Klestil: Schönborns Predigt im Wortlaut

  • In die Trauerrede schloss er auch Ex-Frau Edith ein
  • Dem Vernehmen nach wurde sie von Schönborn persönlich zur Messe eingeladen

Kardinal Christoph Schönborn hielt im Wiener Stephansdom das Requiem für den Thomas Klestil. In seine Trauerrede schloss er auch Ex-Frau Edith Klestil ein - dem Vernehmen nach wurde sie von Kardinal Schönborn persönlich zur Messe eingeladen. Sie saß bei der Predigt in der zweiten Reihe - schräg hinter Margot Klestil-Löffler. Im folgenden lesen Sie den von der APA dokumentierten Wortlaut der Predigt:

"Fürchte dich nicht vor dem Tod, weil er dir auferlegt ist. Denk daran: Vorfahren und Nachkommen trifft es wie dich", so sagt uns heute ein Weiser aus dem alten Israel, Ben Sira oder Jesus Sirach, wie er auch heißt (Sir 41,3).

Ja, er trifft uns alle. Er ist uns allen gewiss, und doch blenden wir diese Gewissheit meist aus unserem Alltag aus. Der Tod gehört zu den großen Tabus unserer sonst so tabulosen Zeit. Doch wenn der Tod in unser Leben tritt, dann bringt er all die wesentlichen Fragen mit sich, für die wir uns meist im Wirbel unserer täglichen Geschäftigkeit nicht Zeit nehmen. Es sind jene Fragen, die Kardinal König immer wieder als die Grundfragen des Menschen in Erinnerung gerufen hat: "Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn meines Lebens?"

Der Tod bringt die Dinge ins Lot. Laute und aufdringliche Fragen treten zurück, die wesentlichen Fragen bekommen ihr Gewicht. So lade ich Sie alle ein, geistig mit dem Verstorbenen verbunden, über die wesentlichen Fragen im Licht des Glaubens nachzudenken.

"Wo komme ich her?" Darf ich Dich, lieber Freund, in dieser Stunde persönlich ansprechen? Auch wenn uns der Tod äußerlich getrennt hat, so sagt uns der Glaube, der uns gemeinsam ist, dass wir über den Tod hinaus verbunden sind, tiefer, weil in Gott und durch Gott verbunden. Du bist ja nicht ein Schatten geworden, bist nicht in Nichts aufgelöst. Du lebst, das ist unser fester Glaube. Du bist uns vorausgegangen, wohin uns alle einmal der Tod führen wird, hoffentlich alle zum glücklichen Ziel. Darin, ja auch darin sollen wir solidarisch sein, dass wir uns gegenseitig helfen, das ewige Ziel unserer irdischen Wanderschaft nicht zu verfehlen.

"Wo komme ich her?" Du hast nie die "einfachen Verhältnisse", wie man so sagt, verleugnet, aus denen du kamst. Nie hast du den tiefen Glauben Deiner Mutter vergessen. Er hat Dich besonders in den schweren Stunden begleitet. Es ist ein Trost zu glauben, dass Du sie jetzt an dem Ziel wiedergefunden hast, an das sie so fest geglaubt hat.

Die Pfarre der Salesianer Don Boscos in Wien-Erdberg hat Deine Jugend stark geprägt. Daran hast Du gerne und dankbar erinnert. Einer der damaligen Jugendlichen steht heute am Altar, Weihbischof Ludwig Schwarz.

Es war dir beschieden, eine erfolgreiche diplomatische Laufbahn zu gehen. Wie wichtig sind auf einem solchen Weg die Menschen, die uns selbstlos fördern. Bundeskanzler Klaus war so ein Mensch. Und wie wichtig ist die Dankbarkeit diesen Menschen gegenüber. Sie zu vergessen ist etwas Arges.

Viel ist in den letzten Tagen über Deine Verdienste als Diplomat und als Staatsoberhaupt gesprochen worden. Spätestens heute, da so viele höchste Verantwortungsträger aus der ganzen Welt gekommen sind, um Dir das letzte Geleit zu geben, wird unserem Land bewusst, wie viel Du für es getan hast, wie hoch die Wertschätzung für Dich war und ist. Du warst auf beispielhafte Weise wirklich ein Weltbürger. Die Gäste aus der ganzen Welt bezeugen es uns eindrucksvoll. Du warst aus tiefster Überzeugung ein Europäer. Du hast wesentlich dazu beigetragen, Österreich in die Europäische Union hineinzubegleiten. Du warst rastlos tätig, den befreundeten Nachbarn Mittel- und Osteuropas auf dem Weg der Integration behilflich zu sein. Die Anwesenheit so vieler höchster Repräsentanten aus unseren Nachbarländern ist Ausdruck des Dankes dafür. Und schließlich warst Du ein leidenschaftlicher österreichischer Patriot und wolltest, wie Du selber sagtest, Dich in der Liebe zu Österreich von niemandem übertreffen lassen. Schmerzlich und beschämt stellen wir fest, dass auch für Dich das recht österreichische Geschick galt, erst nach dem Tod jene Anerkennung zu finden, die Dir anderswo schon längst zu Teil geworden ist. Umso mehr gelte Dir heute und weiterhin der Dank Österreichs, unser aller Dank.

"Wohin gehe ich?" Dein Amt hat Dich ganz in eine Öffentlichkeit gestellt, in der es kaum eine Privatsphäre gab. Das wurde deutlich in der Zeit deiner schweren Erkrankung, besonders aber in den Schwierigkeiten in Ehe und Familie. Viele Menschen in unserem Land haben daran Anteil genommen, und die Tatsache, dass dies so viele berührt und bewegt hat, ist ein deutliches Zeichen, wie wesentlich dieser Bereich für unser Leben ist.

Mit den meisten Menschen hast Du die Sehnsucht nach einer geglückten Ehe, nach einer harmonischen Familie geteilt. Wie so viele Menschen heute bist Du mit den Deinen durch die schmerzliche und schwierige Erfahrung des Zerbrechens und des Neubeginns von Beziehungen gegangen, alles aber noch erschwert durch das Vergrößerungsglas der Öffentlichkeit.

Es steht uns nicht zu, zu urteilen und zu richten. Jesus hat uns nachdrücklich davor gewarnt: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet" (Mt 7,1). Mit Betroffenheit sehen wir aber, wie groß heute die Sehnsucht nach dem Gelingen von Beziehungen, nach Geborgenheit in Ehe und Familie ist, und wie schwer das Gelingen geworden ist. Die Haltung der Kirche in dieser Frage hast Du respektiert, auch wenn es Dir nicht leicht fiel. Es fällt ja auch der Kirche nicht leicht, den rechten Weg zwischen dem unbedingt notwendigen Schutz für Ehe und Familie einerseits und der ebenso notwendigen Barmherzigkeit mit dem menschlichen Scheitern anderseits zu finden. Vielleicht ist Dein Tod, lieber Freund, Anlass, uns alle gemeinsam mehr um beides zu bemühen, im Wissen, dass beides notwendig und beides nicht einfach ist.

"Wohin gehe ich?" Wo bist Du jetzt? Wo sind die Toten? Hier ist Dein toter Leib. Aber wo bist Du? Wir können es uns nicht vorstellen, glauben aber fest, dass Du daheim bist, zu Hause bei Gott. Und wir glauben, dass es kein größeres Glück gibt. Jesus vergleicht den Tod mit dem Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt, um reiche Frucht zu bringen. "Was ist der Sinn meines Lebens?" Was, wenn nicht der, "reiche Frucht zu bringen"? Das erfordert, wie Jesus sagt, "sein Leben zu verlieren" (Joh 12,24-25). Du hast es voll eingesetzt, Dich nicht geschont, bis zuletzt, für unser Land und seine Menschen. Das danken wir Dir heute von Herzen.

Du hast Mariazell sehr geliebt und viel dafür getan. Dem Schutz Marias hast Du Dich von Kindheit an anvertraut. So tue ich es auch heute, für Dich und mit allen, die sich dem anschließen wollen:

Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns arme Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen. (apa)

10.7.2004 11:27