Donnerstag, 8. Juli 2004

Klestils Leibarzt in NEWS: "Der Präsident hat sein Leben dem Amt geopfert"

  • Zuletzt mehrten sich Anzeichen ernster Herzerkrankung
  • Klestil wollte sich erst am 12. Juli untersuchen lasssen

Thomas Klestil hat sein Leben dem Amt geopfert, er hätte nicht sterben müssen! Das sagt der Leibarzt des Staatsoberhauptes im NEWS-Interview. Reinhard Mörz, ein jahrelanger Freund und Betreuer, zieht mit stockender Stimme seine ganz persönliche Bilanz: "Er hat sich für die Republik aufgeopfert. Das war unglaubliches und kaum beschreibbares Pflichtbewusstsein." In den letzten Tagen vermehrten sich Hinweise einer ernsten Herzerkrankung. Dass er krank war, wusste Thomas Klestil. Und obwohl ihm die Ärzte geraten hatten, früher zurückzutreten und sich im Spital behandeln zu lassen, wollte er bis zum Ende durchdienen.

Ein schwerst kranker Mann wollte noch in den letzten Tagen seines Amtes das sein, was er im Wahlkampf 1992 zu werden versprach: ein aktives Staatsoberhaupt. Dienstag, 23.33 Uhr. Nur 36 Stunden vor der Amtsübergabe stirbt der Bundespräsident.

Klestils Gesundheit verschlechterte sich in den letzten Wochen dramatisch
Die Dramatik seines eigenen Zustandes war dem Präsidenten seit Wochen bekannt. In der Vorwoche blieb auch den Mitarbeitern der Präsidentschaftskanzlei die rapide Zustandsverschlechterung "des Chefs" nicht mehr verborgen: Kurzatmigkeit - stärker als sonst; Schweißausbrüche - öfter als sonst; Müdigkeit - ausgeprägter als sonst. Aber wie schon so oft in den vergangenen Tagen, Monaten, Jahren überspielte Thomas Klestil auch diesmal wieder seine Befindlichkeit mit demonstrativer Hyperaktivität.

Hinweise auf ernste Herzkrankheit mehrten sich
Anfang Juli kam es zur entscheidenden Unterredung zwischen Mörz und seinem Patienten. Der Kardiologe Mörz (nebstbei Chefarzt des Innenministeriums) klärte Klestil in allen Details über Schwere und Folgen seines Leidens auf: Alle Befunde würden auf eine ernste Herzkrankheit hindeuten. Der Herzmuskel sei - im Gefolge einer seit Jahren chronischen Lungenkrankheit - bereits schwer geschädigt, die Arteriosklerose der Herzkranzgefäße manifest. Eine invasive Herzuntersuchung (Katheterangiografie durch Vorschub einer Sonde durch die Arterien bis ans Herz) sei dringlichst und nicht mehr länger aufschiebbar. Die Fortsetzung der Amtsgeschäfte wäre unter diesen Umständen lebensgefährlich.

Termin für Herzuntersuchung wurde für den 12. Juli vereinbart
Geduldig hörte sich Klestil die Warnungen seines langjährigen Arztes an. "Nein", sagte er dann: "Ein Krankenstand kommt für mich derzeit nicht infrage. Solange ich Bundespräsident der Republik Österreich bin, übe ich das Amt aus. Danach können die Ärzte über mich verfügen. Aber nicht einen einzigen Tag zuvor." Einmal noch insistierte Mörz, beschwor die Dramatik des Befundes, ehe er resigniert zum Telefonhörer griff: Für den 12. Juli wurde mit dem Wiener Allgemeinen Krankenhaus ein Angiografietermin vereinbart. Mit dem Internisten Wolfgang Graninger wurde ein umfangreicher Check mit anschließender Therapie vereinbart.

Der vom Leibarzt befürchtete Worst Case tritt ein
Dazu sollte es aber nicht mehr kommen: Nach einer Woche exzessiver Nichtschonung trat der von Mörz prophezeite Worst Case ein: Am Montag früh versagte das Herz des fast 72-Jährigen. Am Dienstag kam es auf der AKH-Intensivstation 13 I 2 zu einem Multiorganversagen. Nach und nach stellten, in den Morgenstunden beginnend, Niere, Leber, Herz und Gehirn ihre Tätigkeit ein.

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8.7.2004 09:57