Montag, 5. Juli 2004

AKH-Ärzte über Klestils Zustand: "Situation
wo Hoffen und Beten angesagt ist"

  • Klestil droht Multi-Organ-Versagen. Herzfunktion stabil, aber Leber- und Nierenfunktion "sukzessive schlechter"

Der Bundespräsident ringt mit dem Tod! Österreich betet für Thomas Klestil, Ehefrau Margot Klestil-Löffler und seiner Kinder wachen an seinem Krankenbett im AKH. Aber die Ärzte haben kaum noch Hoffnung auf Besserung. Univ. Prof. Christoph Zielinski: "Dramatischer kann die Situation nicht sein" ... "Die Überlebenschancen schwinden." Nach einer "deutlichen Verschlechterung am Vormittag" sei aber "eine vorübergehende Stabilisierung" eingetreten, meinte Zielinski am Dienstagnachmittag. Die Herzfunktion sei stabil, Sorgen bereiteten den Ärzten Dienstagabend Leber und Nieren, deren Funktion "sukzessive schlechter" werden.

Diese Stabilisierung sei auf "einem niedrigen Niveau" erfolgt. Es gebe nach wie vor eine eingeschränkte Funktion vieler verschiedener Organe und die Situation sei sehr kritisch. "Es herrscht nach wie vor eine besonders komplexe Lage, die uns allen größte Sorge macht".

Auf Basis der gegenwärtigen medizinischen Daten müsse man mit einem Multi-Organ-Versagen rechnen, sagte AKH-Leiter Reinhard Krepler zu Mittag. Und: "Wir müssen damit rechnen, dass wir mit der ärztlichen Kunst den Grenzen des Möglichen nähern." Vor allem, da die Nierenfunktion schon sehr schlecht ist. "Hoffnung", so Gottfried Locker, Leiter der Intensivstation, "gibt es aber immer."

Klestils langjähriger Arzt Wolfgang Grasninger stellte auch für den Fall, dass der Bundespräsident überlebt keine gute Prognose: Vermutlich, so der Arzt in der "Presse" würde er dann Wachkoma-Patient bleiben.

Untersuchungen hätten eine zunehmende Verschlechterung der Funktion wichtiger Organe, wie Herz, Lunge, Leber und Niere ergeben: De Facto sei der "Domino-Effekt" eingetreten, also dass durch das Versagen eines Organs die anderen Organe ebenfalls nicht mehr oder nur beeinträchtigt funktionierten, so Zielinski.

Computertomographie nicht durchgeführt
Klestils Gesundheitszustand war vormittags derart dramatisch, dass auch die für Dienstag geplante Computertomographie (CTG) nicht durchgeführt wurde. "Aus Rücksicht auf seinen Zustand haben wir darauf verzichtet", so Zielinski. Die Überwachung des Bundespräsidenten erfolgt laut Bulletin "in schonendster Weise mit Elektroden und mit regelmäßigen Blutabnahmen für chemische Untersuchungen". Und diese Untersuchungen hätten eben eine zunehmende Verschlechterung der Funktion wichtiger Organe ergeben. Klestil werde nach den Worten Zelinskis "auf niedrigstem Niveau stabilisiert".

Familie an der Seite des Präsidenten
Ständig begleitet wurde der Bundespräsident von seiner Familie. Ehefrau Margot verließ nur am Vormittag kurz das Spital, nachdem sie die ganze Nacht an der Seite ihres Mannes durchgewacht hatte. Auch die beiden Söhne und die Tochter des Staatsoberhaupts sollen sich ständig am Bett des Erkrankten aufhalten. Die zahlreich im AKH erschienen Medienvertreter wurden naturgemäß von der Intensivstation fern gehalten, auf der Klestil derzeit von sechs Ärzten behandelt wird.

Weitere Genesungswünsche für Klestil
Die Regierung reagierte auf die schwere Erkrankung des Bundespräsidenten mit Betroffenheit und übermittelte nach dem Ministerrat herzliche Genesungswünsche. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V) verwies darauf, dass die Regierungsspitze anlässlich der Angelobung von Rechnungshofpräsident Josef Moser am vergangenen Freitag noch eine "positive Aussprache" mit Klestil gehabt habe: "Ich bin dankbar dafür, dass diese Aussprache noch möglich war". Vizekanzler Hubert Gorbach (F) entzündete für das Staatsoberhaupt eine Kerze in der Minoritenkirche: "Die positive Energie ist beim Bundespräsidenten."

Alt-Präsident Kurt Waldheim sandte Margot Klestil-Löffler ein Telegramm, in dem er seine "tiefe Betroffenheit" über die schwere Erkrankung seines Amtsnachfolgers zum Ausdruck brachte. Zugleich drückte Waldheim seine "Bewunderung" für dessen Amtsführung aus. Auch aus dem Ausland trafen zahlreiche Genesungswünsche ein - unter anderem vom polnischen Präsidenten Alexander Kwasniewski, Rumäniens Staatschef Ion Iliescu, seinem Schweizer Amtskollegen Joseph Deiss und vom ehemaligen Deutschen Staatsoberhaupt Roman Herzog. (apa/red)

5.7.2004 09:21