Irak: Blutige Zukunft
- Jetzt droht der Machtkampf zwischen Sunniten, Kurden und radikalen Islamisten.

Machtübergabe im Chaos: Terror in Serie, Politiker in Todesgefahr, Geiselexekutionen: die ersten Tage im neuen Irak.
Nach dem Abendappell vor den Baracken heißt es plötzlich: Waffe weg, Helm ab. Die Soldaten des 2/5 Bataillons der 1. Kavalleriedivision in Sadr City, ehemals Saddam City und der gefährlichste Bezirk Bagdads, machen es sich im Halbkreis auf dem Boden bequem. Oberstleutnant Gary Volesky ist um einen feierlichen Tonfall bemüht, als er sich bei seinen Boys für den erfolgreichen Einsatz bedankt: Wir haben den Irakern versprochen, sie zu befreien. Und wir haben Wort gehalten. Wir haben ihnen versprochen, die Souveränität nach Abschluss der Aktion zurückzugeben. Und wir haben Wort gehalten. Wir treten zurück in die zweite Reihe, um nur noch zu helfen, wenn wir gebraucht werden. Wir können stolz sein auf das, was wir erreicht haben.
Im Gespräch mit NEWS zeigt er sich auch persönlich zufrieden mit dem reibungslosen Verlauf der aus Sicherheitsgründen um zwei Tage vorverlegten Machtübergabe. Ich war schon beim letzten Golfkrieg da. Und ich musste noch einmal kommen. Aber diesmal bringen wir die Sache zu Ende. Mein Sohn ist jetzt sechs Jahre alt. Ich will verhindern, dass er mit 18 oder 20 noch einmal hierher kommen muss, um nachzubessern, was wir versäumt haben. Für die Zukunft gibt sich der erfahrene Offizier optimistisch. Wir gehen täglich hinaus, um mit den Menschen zu reden. Das ist Teil der psychologischen Kriegsführung und oft schwierig. Nach der Machtübergabe hat sich die Stimmung geändert. Die Menschen sind aus ihren Häusern gekommen und auf uns zu gegangen, um mit uns zu reden. Das zeigt mir, dass sich die Lage stabilisiert.
Lokalaugenschein. Beim Lokalaugenschein in Bagdad findet NEWS wenig, was diesen Optimismus rechtfertigt. Erste Anzeichen für den Stimmungsumschwung muten eher kurios an: Aus dem freudigen Anlass des 28. Juni erlauben wir uns, unseren geschätzten Kunden 10 Freiminuten zu schenken, werden erstaunte Iraker auf den Displays ihrer Handys mit westlichen Werbemethoden konfrontiert.
Von solchen Ausnahmen abgesehen ist der neue Irak der alte geblieben: Täglich explodieren Bomben. Die Green Zone wird mit Granaten und Raketen beschossen. Entführungen, Attentate auf Politiker und Autobomben lassen wenig Hoffnung auf eine Normalisierung des Lebens aufkommen. Nach Meinung von NGO-Sicherheitsexperten dürften die nächsten Bomben in Basra explodieren zum Jahrestag des Aufstandes gegen die britische Besatzung von 1920. Die Terroristen haben Anschläge für den 30. Juni und 1. Juli vorbereitet. Ich glaube nicht, dass sie die mit Bomben scharf gemachten Autos wieder in die Garage stellen.
Stromsperren. Die Menschen haben nur acht Stunden am Tag Strom bei Temperaturen von 45 Grad im Schatten keine angenehme Situation. Die Abschaltungen sind zum Symbol für das Versagen beim Wiederaufbau geworden. Warum das so ist? Nach den Anschlägen auf ausländische Experten haben die Siemens-Ingenieure das Land verlassen, bedauert Bashar Khalaf Omar, Manager des Al-Daura-Kraftwerks, im NEWS-Gespräch. Jetzt stehen die Ersatzteile im Hof herum, und niemand ist da, der sie einbaut.
Dabei würde gerade jetzt mehr Strom denn je gebraucht. Seit Saddams Sturz stapeln sich in den Geschäften brandneue Satellitenempfangsanlagen, Kühlschränke, Klimaanlagen, Computer und Stereogeräte. In einem wahren Konsumrausch holt die Mittelschicht nach, was ihr in den Jahren des UN-Embargos verwehrt blieb. Omar: Jetzt habe ich mein Haus mit elektrischen Geräten voll gestopft und kann sie nicht benützen.
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