Mittwoch, 30. Juni 2004

Chaos durch U-Bahnstreik in London: Angestellte fordern Lohnerhöhungen

  • Mehr als 3 Millionen Benutzer der U-Bahn sind betroffen
  • Auch Bürgermeister Livingstone musste zu Fuß gehen

Ein Streik bei der U-Bahn hat die Londoner Rush-Hour heute zur Tortur gemacht. Hunderttausende Pendler drängten sich in überfüllte Busse oder begaben sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf einen mühsamen Weg zur Arbeit. Auch der sozialistische Bürgermeister Ken Livingstone war per pedes unterwegs und kritisierte das Vorgehen der Gewerkschaft.

Die Busse aus den Vororten waren so voll, dass sie an zahlreichen Haltestellen vorbeifahren mussten. In der Innenstadt stand Auto an Auto, so dass es kaum ein Fortkommen gab. Der morgendliche Berufsverkehr begann wegen des Streiks schon gut eine Stunde früher, weil viele Pendler den Weg zur Arbeit eher antraten. Wer es sich leisten konnte, arbeitete daheim am Computer oder nahm sich einen Tag frei.

Vor der U-Bahn-Station King's Cross im Norden von London warteten Hunderte Menschen an den Bushaltestellen. Angestellte der Verkehrsgesellschaft verteilten Karten mit Wegbeschreibungen ins Zentrum. "Das ist gar nicht so schlecht", sagte der 22-jährige Richard Page, als er sich zu Fuß auf den kilometerweiten Weg ins Finanzviertel aufmachte. "Es sind nur 45 Minuten zu gehen. Da ich vom Land komme, ist das für mich noch eine akzeptable Entfernung für einen Fußmarsch." Page hat zwar Verwandte bei der "Tube" (Röhre), wie die Londoner U-Bahn genannt wird. Aber für den Streik kann er kein Verständnis aufbringen. "Da muss es doch einen anderen Ausweg geben", schimpfte er.

Der von der Verkehrsgewerkschaft RMT ausgerufene Ausstand begann um Dienstagabend und sollte 24 Stunden andauern. Verhandlungen, um noch in letzter Minute eine Lösung zu finden, waren am Dienstag gescheitert. RMT-Generalsekretär Bob Crow kritisierte, die Bedingungen, die der Arbeitgeber an eine Lohnerhöhung von 6,75 Prozent über zwei Jahre geknüpft habe, seien inakzeptabel. Strittig ist vor allem die Einführung der 35-Stunden-Woche bis 2006. Das Lohnangebot sei äußerst großzügig, sagte Livingstone in einem BBC-Interview und fügte hinzu: "Wenn die Antwort auf diese Frage ein Streik ist, stellt die Gewerkschaft vielleicht die falschen Fragen."

(apa/red)

30.6.2004 08:05