Freitag, 2. Juli 2004

Der neue "Koloss von Rhodos": Traianos Dellas ist Griechenlands Nationalheld

  • Hinten alles weggeputzt, dann das Siegestor erzielt
  • Rehhagel: "Meine standefeste Eiche in der Abwehr"

Hinten putzte Otto Rehhagels "Koloss von Rhodos" alles weg - und dann schlug Abwehr-Hüne Traianos Dellas nach 105 Minuten und drei Sekunden auch noch vorne mit seinem kantigen Schädel zu. Mit dem "Silver Goal", das in diesem Fall dem abgeschafften "Golden Goal" gleichkam, weil Schiedsrichter Pierluigi Collina die Partie anschließend abpfiff, krönte der 28-jährige Grieche die Renaissance des im modernen Fußball längst ausgestorbenen Liberos und stürzte Teamkollegen, Betreuer und seine Landsleute in einen kollektiven Freudentaumel.

"Diese Nacht gehört allen Griechen", sagte ein überglücklicher Dellas. Doch den 1:0-Erfolg gegen die hoch favorisierten Tschechen wollte sich der Kicker nicht nur an seine Fahne heften. "Nicht ich bin der Held, sondern die griechische Nationalmannschaft", betonte der fast zwei Meter große Ausputzer und Italien-Legionär.

Immer wieder musste Dellas berichten, wie er sein erstes Tor im 22. Länderspiel selbst erlebt hatte. "Als auf Eckball entschieden wurde, sah ich auf die Uhr und es waren in der ersten Hälfte der Verlängerung 14 Minuten und 36 Sekunden gespielt. Ich sagte zu mir: 'Jetzt müssen wir zuschlagen.' Jemand da oben hat mich gehört, und mir ist das Tor gelungen", dankte er den Göttern. Wichtiger war aber wohl, dass er nach dem Corner von Vasilios Tsiartas am richtigen Fleck stand und den Ball aus kurzer Distanz über die Linie köpfelte.

Dellas widmete sein historisches Tor nicht nur allen Griechen, sondern kündigte im Namen seines Volkes gleich weitere Großtaten an: "Wir sind bereit für Olympia. Es werden die besten Olympischen Spiele aller Zeiten", tönte er mit Blick auf die in sechs Wochen beginnenden Sommerspiele in Athen mit breiter Brust.

Dass ausgerechnet Dellas das Spiel entschied, passte wunderbar ins Bild des "antiken" Defensivfußballs, mit dem Rehhagel in Portugal die Favoriten reihenweise zu Fall bringt. "Traianos Dellas ist so etwas wie meine standfeste Eiche in der Abwehr", beschrieb Rehhagel seinen Abwehrchef, den er in der Vergangenheit auch schon als "Koloss von Rhodos" titulierte. Der 28-Jährige stammt allerdings aus Saloniki und erlebt bei der EM einen traumhaften Aufstieg, denn im beruflichen Alltag bei AS Roma wurde Dellas nur gelegentlich eingesetzt.

Rehhagel schenkte Dellas hingegen gleich nach dem ersten Länderspiel unter seiner Regie das Vertrauen: "Du bist mein Mann", sagte der Deutsche. Eine Maßnahme, die aufging - und Dellas wird auch im Endspiel wieder eine Schlüsselrolle in Griechenlands Beton-Abwehr einnehmen. "Die Portugiesen sind im Turnierverlauf stärker geworden", warnte der Matchwinner vor der Neuauflage des Eröffnungsspiels, "aber wir auch."

(apa/red)

2.7.2004 12:07