Mittwoch, 30. Juni 2004

Und wieder kommt es zum Duell David gegen Goliath: Hellenen haben Blut geleckt

  • Für Tschechien ist es 'Spiel zwischen Himmel und Hölle'
  • Am Donnerstag um 20.45 Uhr LIVE auf networld.at!

Griechenland, ohne einzigen WM- oder EM-Sieg zur zwölften Fußball-EM-Endrunde angereist, hat in Portugal nicht nur den Gastgeber "entzaubert", sondern mit Russland (1960), Spanien (1964) und Frankreich (2000) auch schon drei frühere Europameister besiegt. Die Hellenen haben sich längst vom krassen Außenseiter zum Ernst zunehmenden Faktor dieser EURO gemausert. Und so lecken sie vor dem zweiten Halbfinale am Donnerstag im Dragao-Stadion gegen Ex-Champion Tschechien (1976) Blut und wollen ihren sensationellen Parforce-Ritt fortsetzen.

"Der Gegner muss seiner Favoritenrolle erst gerecht werden", tönt der wieder fitte griechische Mittelfeldspieler Giannakopoulos und sagt dem vermeintlichen Goliath stellvertretend für alle Blauweißen den Kampf an. In solchen Spielen gebe es keine Favoriten, es zähle nur die Leistung auf dem Platz. Der Legionär in Diensten der Bolton Wanderers attestiert dem Österreich-Nachbarn zwar eine gute Mannschaft mit starken Spielern, "aber die bessere und glücklichere wird ins Finale einziehen." Der 29-Jährige versprach: "Wir werden bis ans Äußerste gehen, um ins Endspiel einzuziehen."

Griechen wollen "einmalige Chance" nutzen
Stürmer Angelos Charisteas von Werder Bremen fügt hinzu: "Es ist eine einmalige Chance für uns und für den griechischen Fußball. Die Tschechen besitzen ein großartiges Team, sind aber nicht unbesiegbar. Mit der richtigen Strategie sind sie zu besiegen." Die Zeitungen in der Heimat bringen in Riesenlettern die Erwartungen so zu Papier. "Die letzte Burg, die eingenommen werden muss, heißt Tschechien", schrieb "Ta Nea" und das Sportblatt "Goal" meint: "Uns passt die Rolle des krassen Außenseiters."

Zumindest nach außen viel besonnener, fast stoisch ruhig sieht der im Olympia-Land längst zum Fußball-"Gott" aufgestiegene Teamchef Otto Rehhagel dem Semifinale entgegen. Die Tschechen seien absoluter Favorit, darüber gebe es nichts zu diskutieren. "Aber wir werden sehen, ob wir unsere paar Chancen, die wir bekommen werden, nützen können", sagt "Rehhakles". In den bisherigen vier Spielen haben seine Schützlinge mindestens je eine Möglichkeit zu einem Treffer genützt.

Im tschechischen Lager versucht man hingegen alles, jeden möglichen Anflug von Selbstgefälligkeit schon im Keim zu ersticken. "Wir haben noch gar nichts gewonnen. Euphorie ist völlig fehl am Platz", erklärt Miroslav Beranek, der Assistent von Karl Brückner. Dieser hat einen kleinen Vorteil des Gegners ausgemacht, weil er zwischen Viertel- und Semifinale zwei Tag mehr Zeit zur Regeneration und Vorbereitung zur Verfügung hatte. Dass er gegen die Deutschen neun Mann geschont hatte, könnte ihm jetzt zu Gute kommen. Dadurch habe man etwas an Substanz gespart.

Tschechien weist Favoritenrolle von sich
"Wir haben genug Energie, glaube aber nicht, dass wir Favorit sind. Jetzt zählt nur der Sieg, eine Niederlage wäre eine Tragödie, es wird daher ein Spiel zwischen Himmel und Hölle", so der Teamchef, der im Fall des Aufstiegs und einer Gelben Karte seinen Kapitän vorgeben muss. Wird Pavel Nedved wieder verwarnt, wäre der Juve-Kapitän nach dem Champions League-Finale 2003 gegen AC Milan zum zweiten Mal für ein großes Endspiel zum Zuschauer degradiert.

"Ich will nicht schon wieder passen müssen, werde deshalb aber nicht verhalten spielen. Ich kann auf mein kampfbetontes Spiel nicht verzichten", sagte Europas Fußballer 2003. Mit ihm sind auch Ujfalusi und Jankulovski bzw. Karagounis und Zagorakis "gelbsüchtig". Die Tschechen müssen auf Rechtsverteidiger Jiranek (Zerrung) verzichten, für den Reggina-Mann wird Ajax-Spieler Grygera zum Einsatz kommen. Die Griechen meldeten keine Ausfälle. Der gesperrt gewesene Vryzas wird für Nikolaidis wieder im Sturm spielen, Giannakopoulos ist gesund und kehrt ebenfalls in die Elf zurück.

Kollektiv gegen Individualismus
Wie auch immer die Aufstellungen aussehen werden, Griechenland gegen Tschechien bedeutet auch Kollektiv gegen Individualismus, Abwehrkunst gegen Angriffslust, Dellas gegen Koller oder Kapsis gegen Baros ("Das erste Tor wird entscheidend sein. Wenn wir es machen, müssen die Griechen von ihrer Spielweise abgehen"). Es werden im Duell der Trainer-Routiniers zwei verschiedene Auffassungen von Fußball aufeinander prallen. "Alle werfen uns vor, destruktiv zu spielen, aber wir sind damit effektiv", verteidigt Karagounis die Rehhagel-Taktik. Zuletzt gab es am 17. April 2002 ein "totes" Rennen (0:0). Ein solches wird es diesmal sicher nicht geben.

Griechenland - Tschechien (Dragao-Stadion in Porto, 20.45 Uhr, Schiedsrichter Pierluigi Collina/Italien)

Griechenland
Nikopolidis - Seitaridis, Kapsis, Dellas, Fyssas - Giannakopoulos, Karagounis, Basinas, Zagorakis - Vryzas, Charisteas

Bei der nächsten Gelben Karte gesperrt: Karagounis, Zagorakis

Tschechien
Cech - Grygera, Ujfalusi, Bolf, Jankulovski - Poborsky, Galasek, Rosicky, Nedved - Maros, Koller

Verletzt: Jiranek (Adduktoren)
Bei der nächsten Gelben Karte gesperrt: Jankulovski, Ujfalusi, Nedved


BILANZ: sechs Länderspiele - fünf tschech(oslowak)ische Siege, ein Remis, 11:2 Tore. Den einzigen Punkt ergatterten die Griechen im bisher letzten Vergleich mit dem 0:0 am 17. April 2002 in Ioannina. Die tschech(oslowak)ische und griechische Auswahl standen einander schon ein Mal in einer EM-Endrunde gegenüber: 1980 in Italien gewann der Österreich-Nachbar das Gruppen-Spiel 3:1. Dieses EM-Turnier war bisher das einzige vor Portugal, an dem die Hellenen teilgenommen haben.

(apa/red)

30.6.2004 20:49