Mittwoch, 30. Juni 2004

"Fieberwahn und Massenhysterie": Ganz Griechenland steht nach Final-Einzug Kopf!

  • Rehhagel weist Kritik zurück: "Modern ist, wer gewinnt"
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Der griechische Traum geht weiter, die Fußball-Welt steht Kopf! Nach dem sensationellen Final-Einzug Griechenlands ging es am Peloponnes die ganze Nacht rund. Die Rehhagel-Truppe, die als krasser Außenseiter ins Turnier gegangen war, zog am Donnerstag im Halbfinale in Porto auch den hoch favorisierten Tschechen den Nerv und siegte nach Silver Goal von Dellas in der 105. Minute mit 1:0. Und vor dem großen Finale am Sonntag gegen Gastgeber Portugal gibt es keine Grenzen mehr: Jetzt wollen die Griechen alles!

Ganz Griechenland ist im siebenten Fußball-Himmel. "Es sieht so aus, als ob der Meeresspiegel gestiegen ist und Athen überflutet hat." Mit diesen Worten beschrieb ein griechischer Fernsehmoderator in der Nacht zum Freitag das blau-weiße Fahnenmeer im Zentrum Athens nach dem sensationellen Einzug von Otto Rehhagels Griechen ins Endspiel der Fußball-EM in Portugal.

Rund eine Million Menschen waren nach Schätzungen der Polizei binnen weniger Minuten nach dem Abpfiff ins Zentrum der Hauptstadt geeilt. Die Nacht war durch hunderte Leuchtkugeln zum Tag verwandelt worden. Viele Fans kehrten erst nach Anbruch des Tages nach Hause zurück.

"Fieberwahn und Massenhysterie"
Als "Fieberwahn und Massenhysterie" bezeichnete die griechische Presse das, was sich in der Nacht im Land abspielte. Als das "Silver Goal" durch Traianos Dellas fiel, hatte man den Eindruck, ganz Griechenland sei ein riesiges Fußball-Stadion. Alles schrie und die ganze Stadt hallte von den Freudenrufen. Der Rundfunk unterbrach sein Programm und meldete: "Athen bebt. Ganz Griechenland bebt. Wir sind im Endspiel."

Rehhagel: "Modern ist, wer gewinnt"
Trainer Rehhagel bleibt unterdessen seiner Linie treu, erklärt sein Team für das Endspiel zum großen Außenseiter, fügt aber verschmitzt an: "Wie man gesehen hat, ist im Fußball nichts unmöglich." Die Vorwürfe, einem veralteten Spielsystem nachzuhängen, entkräftet der Deutsche mit einfachen Worte: "Modern ist, wer gewinnt".

Griechen mit deutschen Tugenden
Im Halbfinale begann Tschechien wie aus der Pistole geschossen, Rosicky traf mit einem Volley aus 17 Metern die Latte (3.), bei einem Schuss von Jankulovski parierte Keeper Nikopolidis glänzend (6.). Der tschechische Express schien in gewohnter Manier zu rollen, die Anfangseuphorie entpuppte sich jedoch rasch als Strohfeuer. Die Griechen brachen mit ihrer (deutschen) Disziplin den Rhythmus der Tschechen und setzten deren gefährlichste Offensivwaffen außer Gefecht - Seitaridis bewachte EM-Torschützenleader Baros vorzüglich, Kapsis und Dellas hängten Koller an die "Kette".

Nedved verletzt ausgeschieden
Zu allem Überdruss musste in der 40. Minute der große Spielmacher Nedved vom Feld. Der Super-Techniker, der 2003 das Champions-League-Finale mit Juventus Turin auf Grund einer Sperre verpasst hatte, verletzte sich bei einem Schussversuch in der 33. Minute, bei dem er mit Katsouranis zusammenkrachte. Nedved probierte einige Minuten lang trotz der Schmerzen weiterzuspielen, mit Tränen in den Augen verließ der 31-Jährige schließlich jedoch den Rasen. Laut erster Untersuchung zog sich Nedved eine Verletzung im rechten Knie zu.

Tschechen rannten sich in Griechen-Abwehr fest
Der tschechische "Trainer-Fuchs" Karel Brückner hatte also in der Halbzeit jede Menge zu tun, um seine Mannen moralisch und taktisch wieder aufzurichten. Und auch ohne Nedved versuchten die Tschechen, in der EM-Qualifikation 4:0- und 3:2-Sieger gegen Österreich, unermüdlich, das griechische Bollwerk auszuhebeln. Bei einem Trikot-Zupfer von Dellas im Strafraum gegen Koller blieb jedoch die Pfeife von Schiri Collina stumm (54.), ein Kopfball von "Leuchtturm" Koller (59.) verfehlte das Tor.

Geduldige Griechen
Die stets geduldig auf ihre Chance lauernden Hellenen entblößten ihre Abwehr weiterhin in keiner Weise, rochen jedoch nach rund einer Stunde etwas Lunte. Kopfbälle von Fyssas (64.) und Vryzas (67.) bedeuteten erstmals echte Gefahr für den tschechischen Keeper Cech. Das Finale der regulären Spielzeit gehörte dann aber wieder den Tschechen, nach herrlichem Doppelpass mit seinem Dortmunder Klubkollegen Rosicky verfehlte Koller hauchdünn (80.), ebenso wie Baros, der sich gegen die gesamte griechische Abwehr durchsetzte und von der Strafraumgrenze abzog (83.). Die dritte Verlängerung im EM-Verlauf war perfekt.

Dellas katapultiert Griechen in den Fußball-Olymp
Damit wurde die Begegnung endgültig zur Nervenschlacht, in der der Underdog aus Südeuropa den unbeschwerteren Eindruck machte. Plötzlich präsentierte sich die tschechische Hintermannschaft anfällig, nach Vorlage von Charisteas rettete der herausstürmende Cech bei einem Kopfball von Giannakopoulos (94.), wenige Sekunden später scheiterte neuerlich der eingewechselte Giannakopoulos (95.). Während die Tschechen nicht mehr zu ihrem Spiel fanden, hatte Dellas nach Tsiartas-Freistoß die Entscheidung in der 103. Minute erstmals auf dem Kopf. Sekunden vor dem Abpfiff hatte der AS-Roma-Kicker dann mehr Glück, nach Tsiartas-Corner war Dellas zur Stelle - Griechenland steht damit erstmals im Finale eines großen Turniers, Tschechien war hingegen am Boden zerstört.

Griechenland - Tschechien 1:0 nach Silver Goal (0:0)
Porto, Estadio Dragao, 48.000, SR Collina/Italien.

Tor: 1:0 (105.) Dellas (Silver Goal)

Griechenland: Nikopolidis - Seitaridis, Kapsis, Dellas, Fyssas - Basinas (72. Giannakopoulos), Katsouranis, Zagorakis - Vryzas (91. Tsiartas), Charisteas, Karagounis

Tschechien: Cech - Grygera, Ujfalusi, Bolf, Jankulovski - Poborsky, Galasek, Rosicky, Nedved (40. Smicer) - Baros, Koller

Gelbe Karten: Seitaridis (23., Foul), Charisteas (70., Foul), Karagounis (87., Foul - im Finale gesperrt) bzw. Galasek (48., Foul), Smicer (55., Foul), Baros (102., Foul)

Die besten Spieler: Nikopolidis, Seitaridis, Giannakopoulos bzw. Jankulovski, Rosicky, Poborsky

(apa/red)

30.6.2004 13:57