Montag, 28. Juni 2004

Bombe entschärft: Tolle Tschechen-Taktik verhindert Zündung des "Danish Dynamite"

  • Trainer-Fuchs Brückner jetzt gegen "Rehhakles"
  • Dänen trauern vergebenen EM-Chancen nach

Nach den Niederlanden hat mit Tschechien auch der zweite Aufsteiger der österreichischen EM-Quali-Gruppe das Semifinale der zwölften Fußball-EM-Endrunde erreicht. Durch das 3:0 im Drachen-Stadion gegen Ex-Europameister Dänemark (1992) sind die Tschechien (1976) ihrem zweiten Euro-Titel ein Stück näher gerückt. Baros und Co. treffen am Donnerstag abermals in Porto auf die Griechen, die zweite Partie der Vorschlussrunde bestreiten 24 Stunden vorher in Lissabon Gastgeber Portugal und die Oranjes.

Der zweifache Torschütze Milan Baros ("beide Treffer waren schön, aber der erste wichtiger, weil er die Vorentscheidung bedeutete") und eine taktische Meisterleistung des gewieften Trainersfuchs' Karel Brückner waren die Schlüssel zum Erfolg. "Ein Spiel besteht eben nicht nur aus einer Hälfte", lächelte der Grauhaarige, nachdem er seinen Widerpart Morten Olsen eine Taktik-Lehrstunde erteilt hatte. Die Tschechen, die diesmal nicht so sehr in spielerischer Hinsicht glänzten, gelten jetzt als erster Anwärter auf die Nachfolge Frankreichs.

Der ausgeklügelte Plan des 65-Jährigen, sich zunächst auf die Defensive zu beschränken, Rückstände wie in den drei Gruppen-Spielen zu vermeiden und erst nach der Pause zum Angriff zu blasen, ging voll auf. Brückner war letztlich stolz, erstmals im Verlauf des Turniers ohne Gegentor geblieben zu sein und darauf, dass Nedved und Co. ihren Offensiv-Drang solange zügelten, bis er sie von der Leine ließ. So liefen sich die Dänen zuerst müde und dann ins offene Messer des Verderbens.

"Wir hatten genug Energie und Kraft, die wir gegen Deutschland gespart haben", meinte der Teamchef, der dem Gros seiner Elf eine einwöchige Pause gegönnt hatte. Nun werden die EM-Karten aber neu gemischt. "K.o.-Spiele haben eigene Regeln. Fehler kann man nicht reparieren. Siege bedeuten Erfolg, Niederlagen sind Tragödien", so Brückner. Mit den Griechen will sich der Perfektionist noch gar nicht beschäftigen.

Duell der Taktik-Genies
Bis Donnerstag für das Duell der Trainer-Oldies mit Otto Rehhagel (65) wird er sich sicher etwas einfallen lassen. "Unser Trainer ist ein großer Stratege", ist Tomas Rosicky, der sich wie alle anderen Stars unterordnet, überzeugt. "Wir sind bei einer EM, nur der Erfolg der Mannschaft zählt", meint der BVB-Spieler. Der Stärke der Tschechen sei, dass jeder mehrere Positionen spielen könne und sie dadurch schwer auszurechnen seien. "Gegen die Griechen wird es schwer, aber wir sind in der Lage, auch sie zu schlagen."

Während Österreichs nördlicher Nachbar in einem Meer des Jubels versinkt, betreiben die Dänen Ursachen-Forschung für das Versagen. Als Quintessenz kam heraus: Dem "Danish Dynamite" fehlte vor dem tschechischen Gehäuse die Zündung, das Feuer. "Wir waren in der ersten Hälfte das klar bessere Team, haben aber unsere Chancen nicht genützt. Wir haben das Spiel aus der Hand gegeben und den Gegner, der vier Möglichkeiten im ganzen Spiel hatte, wieder aufgebaut und das Toreschießen zu leicht gemacht", analysierte Teamchef Morten Olsen, der seiner Truppe bei konstanter Leistung das Erreichen des Finales zugetraut hätte.

Zusammenbruch der Dänen
Der wegen Verletzung verhinderte Stürmer Ebbe, der der Olsen-Elf stark abgegangen war, gestand: "Das ist eine riesige Enttäuschung und ich ärgere mich ohne Ende. Mir ist völlig unerklärlich, wie wir zusammengebrochen sind." Zwölf Jahre nach dem sensationellen Titel-Gewinn wurden die "Wikinger" auf den Boden zurückgeholt und mussten wie schon vor zwei Jahren im WM-Turnier im ersten K.o.-Spiel die Segel streichen. "Die Art und Weise wie es passiert ist, tut vor allem weh", befand Flügelmann Jesper Grönkjaer, während Verteidiger Kasper Bögelund den Tschechen Blumen streut: "Sie sind die Besten und werden bis ins Endspiel marschieren." (apa/red)

28.6.2004 14:07