Sonntag, 27. Juni 2004

Rätselraten um Luis Figo: Vor dem Spiel gegen die Niederlande herrscht dicke Luft

  • Unklarheiten zwischen Coach Scolari und Team-Kapitän
  • Trainer beteuert: "Die Beziehung zu Figo ist in Ordnung"

Luis Felipe Scolari geht auf "Schmusekurs", aber Luis Figo ist immer noch stocksauer. Vor dem Halbfinale am Mittwoch gegen die Niederlande herrscht beim EM-Gastgeber Portugal dicke Luft. "General Filipao" hat seinem Kapitän die Hand gereicht, doch Figo ist wie eine beleidigte Diva auf Tauchstation gegangen und ärgert sich noch immer maßlos über seinen spektakulären Austausch im Viertelfinale gegen England.

Scolari spürt offenbar Unheil kommen. Am Wochenende richtete der Brasilianer einen leidenschaftlichen Appell an die Medien: "Ich bitte Sie von ganzem Herzen, das Thema nicht aufzublasen. Wir alle müssen zusammen halten für ein Ziel: Sieg!"

Im Trainingslager in Alcochete am Südufer des Tejo-Flusses sorgte Figo am Wochenende für Gesprächsstoff. Am Samstag trainierte er als Einziger der Stammspieler, doch einen Tag später glänzte der Weltstar von Real Madrid durch Abwesenheit. Anstelle des vorgesehenen Figo stellten sich Jorge Andrade und Petit den Fragen der Journalisten.

Scolari: "Die Beziehung zu Figo ist in Ordnung"
Am Tag zuvor hatte Scolari mit viel Pathos versucht, den schwelenden Konflikt herunter zu spielen. "Die Beziehung zu Figo ist in Ordnung", beteuerte der 55-jährige Coach. "Er ist einfach nicht der Typ, der aus sich herausgeht. Er will seine Gefühle lieber für sich behalten. Figo war schon immer ein Idol für mich, erst als Spieler und jetzt, da ich ihn persönlich kenne, auch als Mensch."

Weil Scolari aber als Dickkopf und harter Hund gilt, der auf große Namen keine Rücksicht nimmt, mehren sich die Gerüchte, er würde nach Rui Costa und Fernando Couto mit Figo den dritten Vertreter der "goldenen Generation" auf die Bank setzen. Im Spiel gegen England hatte der brasilianische Weltmeister-Trainer Figo nach 75 Minuten vom Platz geholt. Der 105fache Nationalspieler war über seine zweite Auswechslung bei der EM so erzürnt, dass er schnurstracks in die Kabine flüchtete, ohne Scolari und seine Kameraden eines Blickes zu würdigen.

Trainer schraubt Erwartungen zurück
"Ich werde dafür bezahlt, das Spiel anzuschauen, nicht den Spieler, der den Platz verlässt", betonte "Big Phil" nach der Partie. "Ich weiß nur, dass er mit einer Statue der Mutter Gottes von Fatima in der Kabine saß und betete." Das Rätsel um Figo dürfte Scolari bis zum Halbfinale am Mittwoch im Estadio Jose Alvalade in Lissabon noch einiges Kopfzerbrechen bereiten. Am Wochenende begann er erst einmal damit, die grenzenlose Euphorie im Land zu bremsen, das nach dem Elfmeter-Triumph gegen England seine Mannschaft im Endspiel am 4. Juli erwartet.

"Ich hoffe, dass die Menschen den Ball flach halten, weil wir das Finale noch nicht gewonnen haben. Wir sind noch ein Spiel davon entfernt, ins Estadio da Luz zurückzukehren", warnte Scolari, der gegen die Niederländer mit einem "sehr schweren Match" rechnet.
(apa/red)

27.6.2004 13:30