Sonntag, 27. Juni 2004

Einmaliger EM-Aufstand der Kleinen bei der EURO 2004: Denkzettel für die "Big 5"

  • Italien, England, Spanien, Frankreich, Deutschland out
  • "EM ist ein Sieg für die Fußball-exportierenden Länder"

Die Legende von David und Goliath lebt. Bei der EM in Portugal wurden die fünf führenden Fußball-Nationen des Kontinents von den Kleinen demontiert wie noch nie. Nachdem bereits in der Vorrunde Deutschland, Italien und Spanien den Laufpass bekommen hatten, folgte im Viertelfinale für Titelverteidiger Frankreich und England der Rauswurf. Dies ist in der EM-Geschichte einmalig: Seit 1960 kam zumindest einer der "Big Five", die sieben der bisher elf vergebenen Titel gewannen, mindestens ins Halbfinale. Dies schaffte aus der Beletage diesmal nur Ex-Europameister Niederlande.

Die Gründe für den "Crash" sind vielschichtig, verschieden - und rätselhaft. "Für das Aus der großen Nationen gibt es keine globale Antwort", meinte Roy Hodgson, Mitglied der Technischen Studiengruppe der Europäischen Fußball-Union (UEFA) bei der EM. Bei England sei es gegen Gastgeber Portugal (5:6 n.E.) eine "Kombination aus Pech und dem Verlust des besten Spielers Wayne Rooney nach 20 Minuten" gewesen. Frankreich habe dagegen "das Potenzial nicht abrufen können". Und den Deutschen mangelte es nach den schlechten Resultaten in der EM-Vorbereitung (1:5 gegen Rumänien) an Selbstvertrauen.

Dank Professionalität Abstand zu den Besten verringert
Die kleineren Fußball-Länder wie Lettland oder Griechenland haben zudem mit mehr Professionalität den Abstand verringert. "Die Welt ist kleiner geworden, weil die Kleinen besser organisiert sind als früher", betonte der Engländer Hodgson. Für Otto Rehhagel, der mit einer taktischen Bravourleistung die Griechen zum 1:0-Triumph über Frankreich führte, kommt noch der Faktor Motivation hinzu: Spieler, die noch keinen Titel errungen haben, seien eben "hungriger" und damit ein paar Prozent einsatzfreudiger als die, die schon welche gewonnen haben.

Frankreichs scheidender Nationalcoach Jacques Santini bemängelte zwar die "technischen Schwächen" seiner Equipe Tricolore, konnte aber auch keine schlüssige Antwort auf das Verblassen seiner "goldenen Generation" geben: "Ich weiß nicht, warum es in der EM-Geschichte einem Titelverteidiger nie gelungen ist, vier Jahre später wieder zu siegen."

Schwache Superstars
Keine Hilfe waren die Superstars David Beckham (England), Zinedine Zidane (Frankreich) oder Raul (Spanien) für ihre Mannschaften. Auch Luis Figo blieb trotz des Halbfinal-Einzugs mit Portugal den Nachweis seiner Weltklasse bisher schuldig. Dass das Quartett von Real Madrid wie manch anderer Ausnahmekönner aus den starken europäischen Ligen durch Meisterschaft und Champions League mehr ausgelaugt wurde als Spieler aus anderen Ländern lässt Hodgson nicht gelten: "Fußball ist auf jedem Level anstrengend, ob in der Serie A oder in der Premier League. Es wäre unfair zu den Griechen zu sagen, Eure Liga ist nicht so anstrengend."

Eine andere These stellte die portugiesische Zeitung "Correio da Manha" auf. "Diese EM ist ein Sieg für die Fußball exportierenden Länder. Die Nationen mit den meisten Importen sind rausgeflogen." Zumindest die Rangliste der Legionäre bei der EM unterstreicht dies. So stehen 58 der bei der EM tätigen Profis in England unter Vertrag, 48 in Deutschland, 47 in Italien und 36 in Spanien. Dass bei dieser Einkaufpolitik der eigene Nachwuchs auf der Strecke bleibt, hat auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) erkannt: Er will die Ausländerquote in der Bundesliga reduzieren.
(apa)

27.6.2004 12:17