Mittwoch, 2. Juni 2004

Osama bin Laden trägt den Terror in seine Heimat. Ziel: Der Sturz des Königshauses

Sie kamen zur Tür herein und fragten Umm Hashims Sohn: „Bist du Muslim?“ Als der Siebenjährige bejahte, gingen die Männer wieder. „45 Minuten später ging ich die Treppe hinunter und sah Blut auf dem Fußboden. Da wusste ich, dass etwas Furchtbares in unserer Siedlung vorgeht.“

Für die Amerikanerin irakischen Ursprungs ist das der Beginn eines Dramas, das fast 22 Stunden dauern und 22 Menschen das Leben kosten wird. Begonnen hatte es am Samstag um 7.30 Uhr, als vier Al-Qaida-Terroristen ins Hauptquartier der Arab Petroleum Investment Corporation eindrangen, in dem sich unter anderem die Büros der Ölfirma Royal Dutch Shell und des Ölförderungsgeräte-Ausstatters
Halliburton befinden. Die islamistischen Extremisten schossen bei der Einfahrt zwei Torwächter nieder. Nach Augenzeugenberichten trugen die 17- bis 24-jährigen Männer Armeeuniformen. Querschläger trafen den Tank eines GMC-Allradfahrzeugs. Das Auto fing sofort Feuer. Ein 10-jähriger ägyptischer Schüler starb qualvoll in den Flammen. Drei andere Kinder und der Fahrer konnten sich retten.
Als Nächstes nahmen die Terroristen das Bürogebäude ins Visier. Sie schossen wild um sich, auf alles, was sich bewegte: Ein Amerikaner, ein Filipino und ein Pakistani starben.

Muslim oder nicht Muslim?
Danach drangen die Extremisten in die Wohnquartiere ein, gingen von Tür zu Tür, immer mit derselben Frage: „Muslim oder nicht Muslim?“ Die renommierte saudische Tageszeitung „Arab News“ schildert den Ablauf der Bluttat: Der schwedische Koch der Pizzeria „Casa Mia“ hatte keine Chance. Dem Skandinavier sah man seine westliche Herkunft an. Er wurde auf der Stelle erschossen.
Das Morden ging den ganzen Tag und die ganze Nacht weiter. 41 Bewohner des luxuriösen Oasis Residential Tower Hotels befanden sich als Geiseln in der Gewalt der Terroristen. Erst um 5.30 Uhr Sonntagmorgen konnten saudische Spezialkommandos eingreifen. Ein Chinook-Helikopter setzte Soldaten am Dach des Wohnhauses ab. Von dort aus drangen sie in das Gebäude ein, kämpften sich Raum für Raum in das Innere vor und befreiten zuletzt die Geiseln. Doch zu diesem Zeitpunkt waren bereits 22 Menschen tot, 25 weitere verletzt. Die Täter hatten zynisch selektiert: Nur drei der Toten waren Saudis, alle anderen Ausländer. Einigen Geiseln, die im Schutz der Dunkelheit über die Treppe des Wohnquartiers flüchten wollten, hatten die Gangster die Kehlen durchgeschnitten.
Drei der vier Täter konnten entkommen: Die Behörden dürften ihnen freies Geleit zugesichert haben. Eine abenteuerliche Jagd begann. Am Montag wurde eine Moschee in al-Khoba von Polizisten umstellt. Mehrere Personen wurden verhaftet, darunter nach Angaben eines Augenzeugen der Muezzin und seine Frau.

Al-Qaidas neue Strategie.
Der Terror von bin Ladens al-Qaida scheint ein neues Ziel gefunden zu haben: die Ölinfrastruktur Saudi-Arabiens und die hier tätigen ausländischen Facharbeiter. An die 35.000 US-Bürger und ebenso viele Briten sind im Land tätig. Ihrer Einschüchterung dürften die Anschläge vor allem gelten. Schon am 1. Mai war die Anlage der schweizerischen Firma ABB Lummus in Janbu Ziel eines Attentats, bei dem fünf Facharbeiter ermordet wurden.

Ölanlagen sicher?
"Unsere Anlagen sind sehr gut gesichert“,
behauptet Abd Allah S. al-Saif, Vizepräsident der staatlichen Erdölgesellschaft Saudi Aramco, im NEWS-Gespräch. „Wir haben drei Verteidigungslinien gegen Angriffe auf unsere Einrichtungen: Die erste besteht aus unseren Mitarbeitern vor Ort. Die zweite bilden eigene Sicherheitskräfte. Wir beschäftigen mehr als 5.000 Mitarbeiter für die Sicherheit unserer Anlagen. Die dritte Verteidigungslinie besteht aus den Sicherheitskräften des Königreichs: Armee, Marine, Luftwaffe und Polizei. Dazu kommen noch jede Menge technischer Einrichtungen: Bewegungsmelder, Nachtsichtgeräte, Kameras, Sensoren, Spezialzäune.“ Was aber nützen all die Vorkehrungen, wenn ein Massenexodus ausländischer Bohrexperten, Erdölingenieure und Pipeline-Fachleute droht?

Die ganze Story lesen Sie im neuen NEWS

2.6.2004 17:01