Mittwoch, 2. Juni 2004

DRAMA IN DER SEEGROTTE: Wer hat versagt?

Seine Nerven liegen blank, seine Gestik ist fahrig. „Eigentlich hätte dieses Unglück nicht passieren dürfen“, argumentiert Christian Kloibhofer, 30, Sicherheitsbeauftragter der „Seegrotte“ in Hinterbrühl, in der am Pfingstmontag fünf Touristen bei einem Bootsunglück ums Leben kamen.

„Unsere Boote sind ordnungsgemäß von der Behörde abgenommen worden“, legt er Prüfungsprotokolle vor, „die Genehmigungen laufen bis 2008.“ Ständig seien Sicherheitsübungen abgehalten worden, alles habe perfekt funktioniert, zuletzt vor zwei Wochen, als auf Europas größtem unterirdischem See (6.200 Quadratmeter) eine Einsatzübung abgehalten worden ist. Trotzdem passierte jetzt das, was die Verantwortlichen bisher für unmöglich gehalten haben: Eine der zwei 7,9 Meter langen und nur 1,5 Meter breiten Zillen kippte in Sekundenschnelle um. 28 deutsche und belgische Passagiere sowie der Schiffsführer Erich L., 33, wurden durch die wuchtige Drehbewegung des 1.500 Kilo schweren Bootes ins nur 120 Zentimeter tiefe, zehn Grad kalte, glasklare Wasser geschleudert. „Die meisten konnten sich aus eigener Kraft aus dem Wasser befreien“, sagt Kloibhofer, „sie wateten zur rund 30 Meter entfernten Anlegestelle.“

Verzweifelter Kampf.
Fünf schafften es nicht: Das Ehepaar Lucie, 72, und Max Baader, 75, aus Dormagen bei Aachen, die 58-jährige Elfriede Blank aus Ansbach in Bayern, Annemarie Schlattmann, 72, aus Rommerskirchen und Anneliese C., 63, aus Belgien. Sie waren unter dem gekippten Boot eingeklemmt, hatten keine Chance, aus dem käfigartigen Gebilde rauszukommen. „Es sind noch Leute drin! Bitte, bitte, meine Frau“, hallte es durch die Grotte.

So saß der 63-jährige Heinz Blank direkt neben seiner Frau, als das Schiff kenterte. Blank geriet unter das Boot, aber er konnte sich irgendwie herausziehen, seiner Frau gelang das nicht. Auch Udo Schlattmann, 65, hatte sich beim Kippen der Zille an der Reling verhakt, ebenso seine Frau Annemarie. Sie wurde unter eine der Holzbänke gepresst, er robbte ins offene Wasser, wie, das kann er nicht mehr sagen.

Panik im Wasser.
Verzweifelt tauchten die Männer und Bootsführer Erich L., 33, Dutzende Male nach unten, versuchten die Eingeschlossenen rauszuziehen. Andere Passagiere kletterten in Panik auf die Bootsrümpfe; der Trimaran wurde dadurch noch weiter nach unten gedrückt. Zusätzlich war die Sicht im Eiswasser gleich null. Normalerweise ist der See glasklar. „Durch das Umkippen und die vielen Menschen wurde aber feiner Sand aufgewirbelt, die Senioren konnten nichts sehen“, so Kloibhofer.

Wertvolle Minuten verrannen. Als klar war, dass die Tauchversuche nichts bringen, versuchten die verzweifelten Senioren das fast zwei Tonnen schwere Gefährt umzukippen. Vergeblich. Auch Feuerwehrmänner, die kaum fünfzehn Minuten später in die Grotte kamen, scheiterten an dieser Aufgabe. Die Opfer konnten erst rund eine Stunde später von Tauchern aus dem tödlichen Gefängnis gezogen werden, alle Reanimationsversuche schlugen fehl.

„I bring mi um.“
Schiffsführer Erich L., der erst seit knapp zwei Monaten in der „Seegrotte“ beschäftigt ist, hat die Dramatik des Erlebten nicht verkraftet. „Ich bringe mich um, ich bringe mich um“, soll er geschrien haben. Er rannte aus dem Stollen, hastete in den nahen Föhrenwald. „Wer hat einen Strick, i häng mi auf, i wüll nimma leben“, gestikulierte er am ganzen Körper zitternd. Die Rettung brachte den Bootsführer zuerst ins Krankenhaus Mödling. Als er sich auch dort nicht beruhigte, lieferten sie ihn in die psychiatrische Abteilung nach Neunkirchen. Über das Unglück selbst sagt er nichts, im Schock weigerte er sich vorerst auch, mit Kriminalbeamten zu reden.

Goldene Hochzeit.
Die 28 Pensionisten der deutschen Reisegruppe waren am Pfingstmontag kurz vor neun Uhr zur Grotte nach Hinterbrühl, 25 Kilometer südlich von Wien, gekommen. Als ihr Bus auf dem Parkplatz vor der Seegrotte anhielt, standen sie spontan von ihren Sitzen auf und sangen ein Ständchen für Lucie, 72, und Max Baader, 75, aus Dormagen bei Aachen – die beiden feierten an diesem Pfingstmontag Goldene Hochzeit.

Der Besuch von Europas größtem unterirdischem See hätte der letzte Höhepunkt ihres Kurzausflugs nach Österreich werden sollen. Eine knappe halbe Stunde dauert die Zillenfahrt durch die Grotte, 4,90 Euro kostet ein Ticket, 200.000 Besucher kommen jedes Jahr hierher, noch nie ist ein Unfall passiert.

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2.6.2004 16:51