Freitag, 7. Jänner 2005

Palästinensischer Präsidentenkandidat Barghuti am Weg zu Freitaggebet verhaftet

  • PLO-Chef Abbas sagt Wahlkampfauftritt in Jerusalem ab
  • Israel beginnt mit Armee-Abzug vor Wahl am Sonntag

Der palästinensische Präsidentschaftskandidat Mustafa Barghuti ist in Jerusalem von der israelischen Polizei festgenommen worden. Barghuti war nach Medienberichten gerade auf dem Weg zum moslemischen Freitagsgebet in der Al-Aksa-Moschee. In Umfragen vor der Wahl am Sonntag kam der unabhängige Kandidat Barghuti auf rund 20 Prozent der Wählerabsichten.

Der palästinensische Präsidentschaftskandidat Mustafa Barghuti protestierte heftig gegen seine Festnahme durch die Israelis in Ost-Jerusalem. Er habe als Präsidentschaftskandidat eine Aufenthaltsgenehmigung für Ost-Jerusalem, beteuerte er, bevor er von israelischen Sicherheitsbeamten in Zivil abgeführt wurde. Israel hatte den Kandidaten untersagt, sich zum Tempelberg zu begeben.

Der 51-jährige Barghuti, der als Menschenrechtsaktivist hervorgetreten ist, kandidiert als Unabhängiger für die Nachfolge des verstorbenen Präsidenten Yasser Arafat und gilt als der stärkste Gegenkandidat von PLO-Chef Mahmud Abbas. Ende Dezember war Barghuti schon einmal während eines Wahlkampfauftritts in der Altstadt von Jerusalem festgenommen worden. Nach kurzer Zeit kam er wieder auf freien Fuß.

Für blutige Konflikte sorgte im September 2000 der Tempelberg-Besuch des damaligen oppositionellen Likud-Politikers Ariel Sharon, des heutigen israelischen Premiers. Die palästinensischen Proteste, die durch den als Provokation empfundenen Besuch Sharons ausgelöst wurden, werden als "Al-Aksa-Intifada" oder "Zweite Intifada" bezeichnet. (Die erste Intifada gegen Israel dauerte von 1987 bis 1993).

Abbas sagte Auftritt in Jerusalem ab
Der aussichtsreichste Präsidentschaftskandidat, PLO-Vorsitzender Mahmud Abbas, hat am Freitag einen Wahlkampfauftritt in Jerusalem absagen lassen. Wie aus seinem Wahlkampfteam verlautete, war zum Schutz des PLO-Chefs vor jüdischen Extremisten ein massives israelisches Sicherheitsaufgebot vorgesehen, was Abbas als schädlich für sein Image in den eigenen Reihen betrachte. Abbas kann laut Umfragen mit 55 bis 65 Prozent der Stimmen rechnen.

Die israelische Armee hat vor der palästinensischen Präsidentenwahl am Sonntag mit einem zeitweisen Abzug aus Städten und Gemeinden im Westjordanland begonnen. Nach Angaben einer Armeesprecherin wurden Patrouillen am Freitag verringert. Die Armee behalte sich allerdings vor, im Fall einer "terroristischen Drohung" auch während der Wahlen wieder in die geräumten Gebiete vorzurücken, hieß es.

1,28 Millionen Palästinenser im wahlfähigen Alter haben sich in die Wählerlisten eintragen lassen. Sie können sich zwischen sieben Kandidaten entscheiden und ihre Stimme am Sonntag zwischen 06.00 Uhr und 18.00 Uhr in mehr als 1.000 Wahllokalen in 16 Wahlbezirken im Westjordanland (mit Ost-Jerusalem) sowie im Gaza-Streifen abgeben. Über 400 Beobachter aus aller Welt, unter ihnen der Friedensnobelpreisträger und ehemalige US-Präsident Jimmy Carter, überwachen die Wahl. Mit Ergebnissen wird in der Nacht auf Montag gerechnet.
(apa)

7.1.2005 12:03