Mittwoch, 26. Mai 2004

NEWS-Exklusiv: Welser-Mösts Konzept für die Salzburger Festspiele ab 2007

  • Der Dirigent über seine Wünsche für den Spielplan
  • Die NEWS-Umfrage: Künstler über Welser-Möst

Der österreichische Dirigent Franz Welser-Möst, von Künstlern, Politikern und Medien für die Nachfolge Peter Ruzickas an der Spitze der Salzburer Festspiele ab 2007 favorisiert, hat zum Festival detaillierte Vorstellungen. Das meldet NEWS in seiner aktuellen Ausgabe. Das entsprechende Interview wurde Mitte April geführt. Damals war Welser-Mösts möglich Ernennung allerdings noch reine Spekulation, weshalb man sich zur Veröffentlichung des autorisierten Gesprächs zu einem geeigneten Zeitpunkt entschloss.

Welser-Möst zur Definition der Festspiele: " Salzburg ist eine 0lympiade, in der sich die künstlerische Großmacht Österreich mit dem Rest der Welt misst. Dazu braucht es eine internationale Künstlerfamilie, die von den Wiener Philharmonikern angeführt wird, denn die sind Gründungsmitglieder, und in Salzburg haben nur Leute etwas verloren, die auf diesem Niveau Wesentliches zu sagen haben. Preise dieser Höhe kann man nicht nur mit einem Konzept rechtfertigen. Es genügt aber auch nicht, zu sagen, man holt die Besten, und was sie spielen ist zweitrangig. In Salzburg müssen Menschen, die seit langem Wichtiges zu sagen haben - ich nenne nur Boulez und Harnoncourt - Dinge tun, die sie anderswo noch nicht getan haben. Das heißt: die Besten mit einem interessanten Programm, das es anderswo nicht gibt. Zweitens: Die Festspiele finden in Salzburg statt. Wenn ich Räumlichkeiten wie die Felsenreitschule zur Verfügung habe, hat es keinen Sinn, sie zuzubauen, wie es auch schon der Fall war. Wenn zu alledem im Graben noch ein erstes Orchester sitzt, nennt man alles mitsammen ,unverwechselbar’."

Über die Anzahl der Vorstellungen: " Festspiele mit mehr als 300 Veranstaltungen sind für die erforderliche Qualität zu groß. Hier müsste reduziert werden, ohne das Kaufmännische aus den Augen zu verlieren. Wenn sich eine Aufführung als großer Erfolg herausstellt, soll man so vernünftig sein, sie mehrere Jahre im Programm zu halten."

Über den Spielplan: "Man braucht Flexibilität. Ein Festival bleibt nicht lebendig, wenn es sich krampfhaft bemüht, jedes Jahr einen neuen Mozart-Stil zu erfinden. Wenn man ein Stück nicht unter den höchsten Qualitätsansprüchen besetzen kann, soll man es nicht spielen. Wobei Mozart selbstverständlich zentral wichtig ist, obwohl ich nicht weiß, was nach dem Marathon für das Guinness-Buch im Jahr 2006 eigentlich noch übrig bleibt. Ich würde sehr empfehlen, sich das Umfeld der Herren Mozart und Strauss anzusehen. Es gibt bei beiden interessante Zeitgenossen und Zusammenhänge. Blickwinkel zu ändern, zum Beispiel die Einflüsse auf Herrn Mozart zu zeigen - Gluck, Haydn
-, kann höchst faszinierend zu sein. Und denken Sie, wie lang Richard Strauss gelebt hat - das reicht von Wagner bis Schönberg. Puccinis
,Mädchen aus dem goldenen Westen’ ist von der ,Salome’ beeinflusst. Britten hat sich vor der Arbeit an ,Peter Grimes’ den
,Rosenkavalier’-Klavierauszug kommen lassen."

Über Uraufführungen: "Sie gehören dazu, und zwar regelmäßig. Es gibt nach langer Zeit wieder Komponisten, die Opern schreiben können. Da hat Salzburg eine Aufgabe."

Die Frage, ob er nicht andere große Dirigenten vertreiben würde, beantwortet Welser-Möst in NEWS so: "Ich schaufle mir doch mein eigenes Grab, wenn ich bestimmte Leute fern halte. Ich bin verpflichtet, z. B. dem Cleveland Orchestra das Bestmögliche zu bringen. Das ist mein Job. Deshalb lade ich Dirigenten persönlich ein, und es hat mir noch nie jemand abgesagt, den ich haben wollte. Fragen Sie Herrn Harnoncourt! In Cleveland habe ich zum Beispiel Herrn Boulez, Herrn Maazel, Herrn Dohnanyi, Herrn Minkowski ... Abbado, Muti, Ozawa, Mehta sind eingeladen."

Das Theater würde er im Sinne einer übergreifenden Dramaturgie mit dem Schauspiel vernetzen. In der Frage nach der Regie gelte es, die Balance zu finden. Ich glaube, die Achtundsechzigermethoden sind überkommen und vorbei. Andrea Breth hat kürzlich etwas sehr Kluges gesagt: Man kann von einem Publikum nicht mehr erwarten, dass es ,Don Carlos’ von Schiller kennt. Also muss ich zuerst das Stück erzählen, wenn auch mit heutigen Mitteln. Wir müssen uns einer Zeit stellen, die nicht mehr im klassischen Sinn gebildet ist wie vor 30 Jahren."

Zwtl: Harnoncourt, Hampson, Baltsa, Landesmann, Buchbinder, Ruzicka für Welser-Möst

In einer NEWS-Umfrage erklären sich maßgebliche Künstler für Welser-Möst.

Nikolaus Harnoncourt: "Ich finde es sehr gut, dass es in unserem Bereich wieder jemanden wie Welser-Möst gibt. Er ist mehr als ein guter Dirigent, er ist ein sehr guter Musiker, und was er über die Salzburger Festspiele gesagt hat - vor allem über ihre Verkleinerung und die Konzentration auf Qualität -, hat Hand und Fuß. Es scheint, als habe er sich sehr ernsthaft mit diesen Fragen beschäftigt. In Kombination mit einem entsprechenden Macher kann ich mir das sehr gut vorstellen."
Agnes Baltsa: "Ein außergewöhnlicher, sensibler Musiker. Was ich in Zürich von ihm gehört habe, war aufregend. Ich hoffe nur, dass er jemanden hat, der ihm den Papierkram abnimmt, damit er sich ganz auf sein Künstlertum konzentrieren kann."

Hans Landesmann: "Welser-Möst ist eine ausgezeichnete Lösung. Er ist ein besonders intelligenter Musiker, nicht nur ein sehr, sehr guter Dirigent, sondern auch ein denkender Mensch mit der notwendigen charismatischen Begabung für Führungsaufgaben.Und außerdem schadet es nicht, dass er Österreicher ist. Ich würde ihm einen hervorragenden Ko-Intendanten zur Seite stellen."
Thomas Hampson: "Ich halte Welser-Möst für einen der wichtigsten Dirigenten unserer Zeit in der so genannten jungen Generation. Wir sind sehr gut befreundet und einander auch musikalisch sehr verbunden."

Rudolf Buchbinder: "Welser-Möst ist ein phantastischer Dirigent und ein toller Musiker, mit dem ich sehr gern zusammenarbeite. Ich kann nur Positives über ihn sagen. Das Modell, einem Künstler einen Manager an die Seite zu stellen, kann funktionieren. So wie bei einem Orchester zwar der Chefdirigent der Wichtigste, der Geschäftsführer aber unentbehrlich ist."

Hermann Beil: "Welser-Möst ist eine erstklassige Zukunftsperspektive, vor allem, weil er ein in den Bereichen Konzert und Oper gleichermaßen ausgezeichneter Dirigent ist. Aber er muss sich wirklich auf Salzburg konzentrieren. Das heißt nicht, dass er ganzjährig anwesend sein muss."

Peter Ruzicka: "Welser-Möst ist eine sehr respektable Lösung. Er hat sich als Dirigent in den vergangenen Jahren enorm entwickelt und in Zürich hervorragende Opernpraxis erworben. Auch das Verhältnis zu den Wiener Philharmonikern ist jetzt sehr gut."


Die gesamte Story finden Sie im aktuellen NEWS

26.5.2004 12:29