Michael Moore: Der König von Cannes
- Sein Film Fahrenheit 9/11 wurde zur Sensation der Filmfestspiele

Die Komparserie ist erstklassig: Brad Pitt, Jennifer Aniston, Cameron Diaz, Robbie Williams
Artig umtanzen sie in der öffentlichen Wahrnehmung den Protagonisten, der die Filmfestspiele von Cannes in Schach hält. Michael Moore ist da, und alle Hierarchien sind aufgehoben. Sein Film hat drei Millionen Dollar gekostet und läuft in der Kategorie Dokumentationen, zu deren Besuch Presse und Publikum ansonsten nur unter Androhung körperlicher Sanktionen zu überreden sind.
Im Pressesturm. Doch am Montag, dem 17. Mai, stehen die ersten Journalisten schon um neun Uhr vor dem Festivalgebäude. In zwei Stunden wird hier Fahrenheit 9/11 für die Presse uraufgeführt, Michael Moores erster Dokumentarfilm nach dem Oscar-Kracher Bowling for Columbine. Der Titel leitet sich von Truffauts Zivilisationsapokalypse Fahrenheit 451 ab und zitiert das magische Datum 9/11. Der Film benennt das wahre Verhängnis: das Wüten wider alles Völkerrecht durch den Wahlbetrüger George W. Bush im Irak.
Zwei Säle das schafft in diesem Jahr kein anderer Film sind reserviert, einer mit 400, einer mit 350 Plätzen. Ein israelischer Journalist, der sich vergebens zur geschlossenen Preview für die Filmverleiher hatte einladen wollen, drängelt desperat an der mittlerweile unübersehbaren Schlange vorbei und wird zurückgeschickt. Es ist zehn Uhr, und man könnte noch zwei Säle füllen.
Das vorbereitende Marketing war brillant: Kein Bild, keine Sequenz des Films taucht irgendwo auf. Nur Andeutungen auf der Homepage: Man werde Dinge zum Irak-Krieg zeigen, wie sie die Welt nicht für möglich gehalten habe. Dazu kam der dilettantische Zensurversuch des Disney-Konzerns, der seiner Verleihtochter Miramax die Verwertung des Films untersagte, weil er um Steuererleichterungen für seine Einrichtungen in Florida bangte. Dort, wo der Präsidentenbruder mit der grenzenlosen Großzügigkeit in der Auslegung von Wahlresultaten regiert.
Der Film. Davon handelt auch der zehn Minu-ten lange Filmvorspann. Wahlnacht 2000: Gore hat offenbar die Stimmenmehrheit. Da meldet Fox TV: Florida dreht die Wahl um. Schnitt. Der falsche Präsident wird angelobt und nimmt unter einem Bombardement von Eiern reißaus. Al Gore spricht mit Schwarzen, deren Stimmen in Florida für nichtig erklärt wurden.
Bush und bin Laden: eine Familienfreundschaft. Bush aber taumelt schon ins Verhängnis des 11. September, das sein Vater angebahnt hat. Der alte Kriegspräsident war der Bin-Laden-Sippe in Freundschaft verbunden. 1973 kam der andere Patriarch, Salem bin Laden, nach Texas, erwarb ein Haus und gründete eine Fluggesellschaft. Der Film geizt nicht mit den Dokumenten einer schönen Familienfreundschaft. Die bin Ladens sind eine der reichsten Familien im unermesslich reichen Saudi-Arabien.
Sie haben die heiligen Stätten in Mekka renoviert und die Landebahnen für Seniors ersten Irak-Krieg gebaut. Sie halten Anteile an Microsoft, Boeing und General Electric. Der alte Bush kassierte nach seiner Präsidentschaft als Berater der Rüstungsfirma Carlyle Group, zu deren Investoren die bin Ladens zählten. Der Junior leitete ein Subunternehmen der Gruppe, in die er reichlich Steuergeld pumpte.
Der 11. September. Der umtriebige Sohn Osama hatte für seine eigenwilligen Projekte stets Zugriff auf das Familienvermögen. Erst Wochen nach dem 11. September brach der alte Bush unter öffentlichem Druck die Verbindung zur Sippe ab und zahlte ihnen die Millionen zurück.
Die Leinwand ist schwarz, man hört Flugzeuglärm, Detonationen: 9/11 2001. Staub, Verwüs-tung, Aschenregen, Trauernde, die zum Himmel starren. Schnitt: In einer Schule in Florida müht sich Bush jr. mit einem Kinderbuch. Die Katastrophe wird ihm gemeldet, er weiß nicht, was er sagen soll, und fährt in der Lektüre fort.
Britney Spears, kaugummikauend: Es gibt keinen besseren Präsidenten als G. W. Bush.
Auf den Flughäfen herrscht das Chaos. Der Luftverkehr ist eingestellt. Doch durch einen Bretterzaun sieht man zwei Araber zum Privatjet huschen: Es sind die bin Ladens, die mit hoher Genehmigung ihre 24 Familienmitglieder aufsammeln und außer Landes bringen.
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PLUS: Alle Details des Films: Wie Michael Moore die seltsamen Geschäftsverbindungen zwischen Bush und bin Laden enthüllt.
PLUS: Moore im Originalton über den Folterskandal, Bushs irakisches Waterloo und die US-Präsidentschaftswahlen.
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