Montag, 17. Mai 2004

Hinweis auf Massenvernichtungswaffen? Mit Sarin gefüllte Granate im Irak gefunden

  • Geschoss explodierte vor der Entschärfung
  • Ex-Waffeninspektor Blix: "Noch kein Beweis"

Das US-Militär hat vor einigen Tagen nach eigenen Angaben im Irak ein Artilleriegeschoss mit dem Nervengas Sarin gefunden. Das Geschoss sei explodiert und habe dabei eine geringe Menge des Kampfstoffes freigesetzt, sagte Militärsprecher Mark Kimmitt am Montag in Bagdad.

Das 155-Millimeter-Geschoss sei in einer Tasche von einem US- Militärkonvoi entdeckt worden und habe wie ein herkömmlicher Sprengsatz ausgesehen, sagte Kimmitt. Es war das erste Mal, dass das US-Militär von einem Fund von Massenvernichtungswaffen berichtete. Die USA hatten dem Irak unter dem gestürzten Präsidenten Saddam Hussein vorgeworfen, Massenvernichtungswaffen zu besitzen und damit den Krieg begründet. Gefunden wurden solche Waffen allerdings nicht.

Das Geschoss habe wie ein Sprengsatz ausgesehen, die häufig am Straßenrand versteckt werden, sagte Kimmitt. "Die Explosion ereignete sich, bevor der Sprengsatz entschärft werden konnte." Zwei Angehörige des Bombenentschärfungsteams seien behandelt worden, weil sie der Substanz ausgesetzt gewesen seien. Mit am Straßenrand versteckten Sprengsätzen greifen Aufständische häufig US-Konvois an.

Das Geschoss sei so konstruiert gewesen, dass die Chemikalien für das Sarin im Flug gemischt werden, sagte Kimmitt. Es gehöre zu den Waffen, die die Saddam-Regierung angeblich vor dem Golf-Krieg 1991 vernichtet habe. Nach dem Ende es Golf-Krieges 1991 hatten UNO- Inspektionen im Irak ergeben, dass dort große Mengen an Nervengift hergestellt worden waren.

Der frühere UN-Waffeninspektor Hans Blix sieht in dem Fund des Nervengifts Sarin im Irak noch keinen Beweis dafür, dass das gestürzte irakische Regime auch nach dem Verbot durch die Vereinten Nationen weiter Massenvernichtungswaffen produziert hat. "Es kann Überreste aus der Vergangenheit geben, und das ist etwas ganz anderes, als Vorräte zu besitzen", sagte Blix der Nachrichtenagentur AP auf Anfrage. "Wenn dies auf etwas größeres hindeuten sollte, dann müssen sie mehr darüber berichten. Ich glaube, wir müssen mehr darüber wissen."

Die USA hatten im März vergangenen Jahres den Krieg gegen den Irak begonnen und Saddam vorgeworfen, er habe biologische und chemische Waffen besessen und sich um Atomwaffen bemüht. Dass solche Waffen nicht gefunden wurden, hat die USA und ihren engsten Verbündeten Großbritannien unter erheblichen Druck gesetzt.

Mit Sarin hatte die japanische Aum-Sekte im März 1995 einen Anschlag auf die Tokioter U-Bahn verübt. Zwölf Menschen waren dabei ums Leben gekommen und mehr als 5500 verletzt worden.

(apa)

17.5.2004 17:25