Montag, 10. Mai 2004

Folter-Skandal: US-Regierung uneinig über die Veröffentlichung weiterer Fotos

  • Iran soll im Besitz von noch schlimmeren Bildern sein
  • Die BILDER: Diese Soldaten kommen vor Gericht!

Jetzt hat der Folter-Skandal auch die US-Regierung ins Schwitzen gebracht. Medienberichten zufolge gibt es Meinungsverschiedenheiten über den Umgang mit bislang noch nicht veröffentlichten Fotos. Laut "New York Times" sollen Mitarbeiter des Weißen Hauses zur raschen Veröffentlichung drängen. Sie hätten Sorge, dass die Bilder früher oder später an die Presse gegeben werden und den Ärger unter Irakern und Arabern neu anheizen könnten. Der Iran ist nämlich laut eigenen Angaben im Besitz von wesentlich schlimmeren Bildern, als bisher bekannt.

Hochrangige Mitarbeiter im Pentagon würden dagegen warnen, dass eine Veröffentlichung der Bilder, die Verteidigungsminister Donald Rumsfeld als eklatant brutal, sadistisch und inhuman eingestuft hatte, die anstehenden Prozesse gegen sieben Armeeangehörige gefährden könnten.

Die Rechtsanwälte könnten argumentieren, dass ihre Mandanten kein faires Verfahren erhielten. Am 19. Mai soll in Bagdad der erste Prozess gegen den 24-jährigen Militärpolizisten Jeremy Sivits beginnen. Dem Heeresangehörigen werden unter anderem Misshandlung und Grausamkeit in etwa 20 Fällen zur Last gelegt. Die "Washington Post" schreibt unter Berufung auf einen Militäranwalt, dass dem Angeklagten im Höchstfall ein Jahr Haft, der Verlust von zwei Dritteln eines Jahresbezuges sowie die Degradierung zum einfachen Soldaten und die Entlassung aus der Armee wegen schlechter Führung drohten.

Gefangenen wurde mit Hinrichtung gedroht
Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) sind nach einem internen Bericht im vergangenen Oktober Zeugen systematischer Folterungen im Bagdader Abu-Ghraib-Gefängnis geworden. Dabei seien sie eindeutig zu dem Schluss gelangt, dass es sich bei den Misshandlungen nicht um willkürliche Einzeltaten gehandelt habe, heißt es in der 24-seitigen Studie.

Diese wurde am Montag vom "Wall Street Journal" veröffentlicht und anschließend vom IKRK in Genf als authentisch bestätigt. Nach dem Bericht waren in dem Gefängis Brutalität und Demütigungen an der Tagesordnung. Irakische Häftlinge seien nackt in eine leere Zelle gesperrt worden und hätten dort lange Zeit bei völliger Dunkelheit ausharren müssen. Man habe ihnen Hauben über den Kopf gestülpt oder Männer dazu gezwungen, Damenunterwäsche zu tragen. Auch sei den Gefangenen mit Hinrichtungen gedroht worden. Den IKRK-Beobachtern seien zudem blaue Flecken, Brandwunden und andere Verletzungen der Häftlinge aufgefallen.

Folter sollte Gefangene geständig machen
"Diese Zwangsmethoden körperlicher und seelischer Art wurden vom militärischen Geheimdienst systematisch angewandt, um Geständnisse, Informationsauskünfte oder andere Formen der Zusammenarbeit von Personen zu gewinnen, die im Zusammenhang mit mutmaßlichen Sicherheitsverstößen festgenommen wurden oder als nützliche Informationsquelle galten", heißt es in dem Bericht.

Schätzungsweise 70 bis 90 Prozent von ihnen seien allerdings zu Unrecht verhaftet worden. Schon bei der Festnahme dieser Verdächtigen seien unangemessene Methoden zur Anwendung gekommen. Manchmal seien alle männlichen Familienmitglieder einschließlich Alter, Kranker und Behinderter abgeführt worden. Dabei seien Schläge, Tritte und Beleidigungen üblich gewesen.
(apa/red)

10.5.2004 15:26