Montag, 10. Mai 2004

Nach Ermordung des tschetschenischen Präsidenten: Dreitägige Trauerfeiern

  • Abramow wird Präsident, Kadyrows Sohn Vize-Premier
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Nach dem tödlichen Bombenanschlag auf den tschetschenischen Präsidenten Achmad Kadyrow haben die russischen Behörden eine Großfahndung nach den bisher noch unbekannten Attentätern eingeleitet. Der Verdacht war in Russland umgehend auf tschetschenische Rebellen gefallen, doch sei es unwahrschweinlich, dass allein Außenstehende das Attentat hätten verüben können, hieß es am Montag in Moskau. Es wurde gar vermutet, dass die Attentäter aus dem Bereich des Security-Personals kommen könnten. UNO-Generalsekretär Kofi Annan hat den Anschlag schwer verurteilt. "Solche Taten sind durch nichts zu rechtfertigen. Sie können die Rückkehr zu Frieden und Gerechtigkeit in Tschetschenien nur verzögern."

Bereits kurz nach der Explosion wurden am Sonntag mehrere Personen festgenommen, die Staatsanwaltschaft erklärte jedoch der Nachrichtenagentur Interfax zufolge, es befinde sich bisher kein Verdächtiger in Haft. Bei dem Anschlag im Fußballstadion von Grosny waren Kadyrow (52) und fünf bis sechs weitere Menschen getötet sowie 57 Menschen verletzt worden.

Unterdessen nahm der von Präsident Wladimir Putin ernannte Interims-Präsident Sergej Abramow seine Amtsgeschäfte auf. Der 32-Jährige leitete am Montag eine Dringlichkeitssitzung des Kabinetts über die Folgen des Anschlags. Abramow war seit 16. März tschetschenischer Regierungschef.

Außerdem wurde überraschend Ramsan Kadyrow, der Sohn des ermordeten Präsidenten, von Abramow zum stellvertretenden Ministerpräsidenten der Kaukasusrepublik ernannt. Er gilt als eine der einflussreichsten politischen Persönlichkeiten in Tschetschenien. Er war Anführer der Sicherheitstruppe seines Vaters, die in der Vergangenheit immer mehr Kontrolle über die Republik gewann. In die umstrittene Truppe waren in den vergangenen Monaten angeblich auch frühere Rebellen aufgenommen worden. Der Präsidentengarde werden zahlreiche Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.

Die Fahnder scheinen mittlerweile bei dem Anschlag von Verrat auszugehen. Ermittelt werde daher vorrangig unter den Leuten, die für die Sicherheit in dem Fußballstadion zuständig gewesen seien, sagte der russische Vizegeneralstaatsanwalt Sergej Fridinski. Der Bombenanschlag in einem schwer bewachten Stadion lässt nach Ansicht von Beobachtern nur zwei Schlüsse zu: Entweder waren die Sicherheitsvorkehrungen mangelhaft oder russische Soldaten und tschetschenische Sicherheitskräfte arbeiteten mit den Attentätern zusammen. In Tschetschenien bedeutet die Treue zu einem Clan oft mehr als eine politische Allianz, daher glauben mehrere politische Beobachter und Abgeordnete, dass der Präsident zu seinem Schicksal selbst beigetragen habe.

Der am Vortag getötete Kadyrow wurde unterdessen in seinem Wohnort Zentoroi im Südosten Tschetscheniens beerdigt. Nach Medienberichten kamen tausende Menschen zu der Trauerfeier zusammen.

In Moskau wurden inzwischen Rufe nach einer Direktverwaltung der Kaukasusrepublik laut. Die Regierung in Grosny betonte hingegen, ihre Strategie im Kampf gegen die Rebellen werde unverändert bleiben. "Nicht einmal in Zeiten dieses tragischen Vorfalls haben wir die Arbeit in der Republik eingestellt und wir werden sie nicht einstellen", sagte Abramow. Zahlreiche Abgeordnete forderten dagegen, Russland müsse wieder stärker in den Konflikt eingreifen. "Es ist notwendig, eine direkte Herrschaft über Tschetschenien herzustellen und möglicherweise den Ausnahmezustand in den Grenzgebieten auszurufen", sagte der regierungsnahe stellvertretende Parlamentspräsident Ljubow Sliska der Nachrichtenagentur Interfax. Der nationalistische Abgeordnete Dmitri Rogosin teilte diese Ansicht und fügte hinzu, jetzt sei es von größter Bedeutung, die Schuldigen zu finden und "zu zerstören".

(apa/red)

10.5.2004 10:06