Donnerstag, 13. Mai 2004

Trauer um Michael Guttenbrunner: Dichter und ewiger Rebell verstorben

  • Österreichischer Schriftsteller starb im 84. Lebensjahr

Trauer um den österreichischen Schriftsteller Michael Guttenbrunner : Er starb im Alter von 84 Jahren. Er hat sich zeitlebens gegen die "echten Faschisten und die falschen Demokraten" gewandt. Dass der Einzelkämpfer sich dabei keiner Obrigkeit gebeugt hat und seinen Weg unabhängig vom Literaturbetrieb ging, hat ihn zu einem der großen Unbekannten der österreichischen Literatur gemacht.

Michael Guttenbrunner wurde am 7. September 1919 in Althofen (Kärnten) als Sohn eines Rossknechts geboren. Ehe er 1937 die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt in Wien besuchte, arbeitete er als Lehrling, Maurergehilfe und Rossknecht. Im Jahr darauf wurde er der Schule verwiesen, weil er sich weigerte, das "Horst-Wessel-Lied" mitzusingen. Er wurde bereits als 16- und als 19-jähriger wegen illegaler Betätigung für die verbotene Sozialdemokratische Partei verhaftet, stand drei Mal vor dem Kriegsgericht und entging nur knapp der Hinrichtung.

1947 erschien Guttenbrunners erster Lyrikband "Schwarze Ruten" - die Gedichte aus der Zeit seines 18. bis 26. Lebensjahres sind geprägt von den Erlebnissen des Krieges und beschwören in apokalyptischen Schlachtbildern die Absurdität des Mordens. Der im selben Jahr veröffentlichte Prosaerstling "Spuren und Überbleibsel" rechnet mit den Verstrickungen Österreichs im Dritten Reich ab und richtet sich gegen das Vergessen. Geschult an seinem literarischen Vorbild Karl Kraus, kritisiert der Schriftsteller aktuelle politische Fehlentwicklungen. Seine beiden an Kraus' "Fackel" orientierten Zeitschriften "Der Alleingang" (1964 bis 1966, gemeinsam mit Paul Schlick) und "Das Ziegeneuter" (1966 bis 1978) ließ Guttenbrunner als "Rundbriefe an einen Freundeskreis" drucken, um sie dem literarischen "Großbetrieb der Wortverschlechterung" zu entziehen.

Weitere wichtige Veröffentlichungen sind u.a. die Gedichtbände "Opferholz" (1954) und "Die lange Zeit" (1965), das dreibändige Prosawerk "Machtgehege" (1976, 1994 und 1997) sowie "Lichtvergeudung" (1995) mit Gedichten der vergangenen zwanzig Jahre. Bedeutend sind auch Guttenbrunners Übersetzungen aus dem Italienischen (Leopardi, d' Annunzio) und dem Slowenischen (Ivan Cankar). Außerdem verfasste er das Drehbuch zur ORF-Serie "Der Landarzt. Politik und Zeitgeschehen", das Robert Dornhelm 1971 verfilmte.

Der Dichter wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, u.a. 1954 mit dem Georg-Trakl-Preis, 1966 mit dem Großen Österreichischen Staatspreis, und 1975 mit dem Würdigungspreis für Literatur. 1994 wurde ihm das österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse verliehen, 1995 das Goldene Ehrenzeichen der Stadt Wien. Das Musil-Haus in Klagenfurt widmete dem Kärntner Literaten 1994 ein dreitägiges Symposium.

Guttenbrunner ist in zweiter Ehe mit Carl Zuckmayers Tochter Maria verheiratet und lebt seit 1954 in Wien. Sein neuestes Werk "Vom Tal an die Gletscherwand...Reden, Aufsätze und Artikel", ist dieses Jahr im Löcker Verlag erschienen. (apa)

13.5.2004 12:54