Mittwoch, 5. Mai 2004

Das Folter-Dossier:
Lachende Folterknechte

  • Die Bilder von „Verhörmethoden“ der US-Soldaten im Irak schockieren die Welt
  • US-Report: Wie die Gefangenen gequält wurden.

Ein Untersuchungsbericht der US-Armee listet „brutale, kriminelle und sadistische“ Methoden auf. Die GIs handelten im Auftrag der Geheimdienste. Nach dem Skandal droht dem Irak eine Eskalation der Gewalt und Bush ein Polit-Waterloo.

Leuchtstäbe wurden zerbrochen und der flüssige Phosphor über Häftlinge geschüttet; sie wurden geschlagen, teils mit einem Besenstiel oder Sessel; Männer wurde mit Vergewaltigung gedroht, ein Gefangener schwer verletzt, nachdem er in seiner Zelle gegen die Wand geschleudert worden war; anderen chemische Leuchtstäbe in den After eingeführt oder ein Besenstiel; scharfe Militärhunde kamen zur Einschüchterung der Insassen zum Einsatz samt Bissverletzungen, eine Gefangene wurde zum Sex gezwungen.“ Die Foltervorwürfe sind nicht einer Anklageschrift gegen Saddam Hussein entnommen. Sie stammen aus einem Untersuchungsbericht gegen amerikanische Soldaten. Auf 54 Seiten hat Generalmajor Antonio Taguba die unmenschlichen „Verhörmethoden“ der GIs dokumentiert, denen irakische Gefangene in Saddams legendärem Foltergefängnis Abu Ghraib, 32 Kilometer westlich von Bagdad, ausgesetzt waren. Seit der US-Sender CBS die Horrorbilder von mit Kapuzen verhüllten, an Elektrodrähten angeschlossenen, nackt zu Pyramiden gestapelten und von lachenden US-Soldaten sexuell verhöhnten Gefangenen ausstrahlte, hat sich der Folterskandal zum globalen Entrüstungssturm gegen die US-Besatzer ausgewachsen. „Das bricht den Amerikanern endgültig das Genick“, urteilte die arabische Zeitung „Al-Quds Al Arabi“: „Die Befreier wirken schlimmer als die Diktatoren!“ Kleinlaut musste Amerikas „Kriegspräsident“ George W. Bush sein „Entsetzen“ eingestehen, während Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nach einem Gespräch mit dem Präsidenten von der Bildfläche verschwand – wahrscheinlich, um sich Fragen nach der politischen Verantwortung zu entziehen. Denn der Taguba-Report stellt fest, dass es sich bei den Misshandlungen nicht um Übergriffe Einzelner gehandelt hat, sondern dass diese Teil des Systems zur Vorbereitung von Verhören waren, die danach von Spezialisten der Geheimdienste und privaten Firmen durchgeführt wurden. Einer der Folterer, Ivan Frederick, schrieb in sein Tagebuch: „Viele Dinge störten mich, wie die Praxis, Gefangene nackt herumzuführen oder ihnen Frauenunterhosen anzuziehen.“ Als er das kritisierte, bekam er zur Antwort: „So will das der Geheimdienst!“ Dieser hat nach Tagubas Feststellungen auch angeordnet, „Gefangene in Isolationshaft zu halten, ohne Kleider, ohne Klo, ohne Fließwasser, ohne Ventilator oder Fenster einzusperren – oft bis zu drei Tage lang“.

Gegen sieben Soldaten der 800. Militärpolizeibrigade – Ivan Frederick, Javal Davis, Charles Graner, Megan Ambuhl, Sabrina Harman, Jeremy Sivits und Lynndie England – wurden inzwischen strafrechtliche Untersuchungen eingeleitet. Acht Offiziere dürften nach Abschluss eines Disziplinarverfahrens aus der Armee entlassen werden, darunter die Leiterin des Gefängnisses, Janis Karpinski, die in TV-Interviews alle Schuld von sich weist: Die Soldaten würden zu Sündenböcken für Übergriffe gemacht, für die der Geheimdienst die Verantwortung trage. Angesichts dieser Aussage lässt das Pentagon auch den militärischen Geheimdienst, die CIA und die beteiligten Privatfirmen prüfen.

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5.5.2004 16:19