Freitag, 7. Mai 2004

US-Militärpolizisten packen aus:
"Misshandlungen an der Tagesordnung"

  • "Ja, die Schläge kommen vor, ja, die ganze Zeit"
  • Neue Folter-Vorwürfe auch gegen britische Soldaten

Im Skandal rund um die Misshandlungen von irakischen Gefangenen kommen nun immer mehr grauenvolle Details ans Licht. Drei US-Militärpolizisten, die im berüchtigen Gefängnis Abu Ghoreib bei Bagdad Dienst versehen haben, berichten von täglicher Gewalt gegen Insassen: "Es ist an der Tagesordnung, dass Gefangene misshandelt werden", sagte Mike Sindar von der 870. Kompanie der Militärpolizei (MP) am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters. "Ich habe die ganze Zeit über Schläge gesehen."

"Eine Menge Leute hatten so viel angestaute Wut, so viel Aggression", sagte Sindar. Die Aufmerksamkeit richtet sich bisher auf die Fotos, auf denen sechs US-Soldaten zu sehen sind. Doch einige Angehörige der 870. MP-Kompanie sagen, die abgebildeten Soldaten seien bei weitem nicht die Einzigen, die an den Grausamkeiten beteiligt waren.

"Ja, die Schläge kommen vor, ja, die ganze Zeit"
"Es waren nicht nur diese sechs Leute", sagte Sindar. "Ja, die Schläge kommen vor, ja, die ganze Zeit." Ramone Leal sagte, eine Soldatin seiner Einheit habe mit einer Schleuder auf Gefangene geschossen und einen von ihnen verletzt. Ein andere Gruppe Soldaten habe einen 14-jährigen Buben zu Boden gestoßen, als er in dem Gefängnis angekommen sei, und ihm den Arm verdreht. "Die Soldaten haben ihn ausgelacht", berichtete Leal. "Ich habe die anderen Soldaten gesehen, die ihren Frust an den Gefangenen ausließen."

Ein Sergeant in ihrer Einheit sei im vergangenen Jahr abgemahnt worden, weil er einen Gefangenen festgehalten hatte, während andere Soldaten ihn schlugen, sagten Leal und Sindar. Sie hätten mit Kapuzen vermummte Gefangene gesehen, auf denen rassistische Schmähungen standen wie "Kamelreiter" oder "Ich habe versucht, einen Amerikaner zu töten, aber jetzt sitze ich im Gefängnis".

"Wir wurden andauernd angegriffen"
"Wir wurden andauernd angegriffen, wir hatten schreckliche Unterstützung ... viele von uns hatten Probleme mit ihren Angehörigen, die unter Depressionen litten", sagte Dave Bischell, der ebenfalls der MP angehört. "Das alles macht die psychologische Komponente von Soldaten aus, wenn sie unter Stress geraten."

Neue Vorwürfe auch gegen britischen Soldaten
Auch gegen britische Soldaten im Irak gibt es neue Folter-Vorwürfe. In der Boulevardzeitung "Daily Mirror" (Freitagsausgabe) berichtete ein Soldat, in vier Fällen selbst gesehen haben, wie irakische Gefangene in Basra zusammengeschlagen wurden. "Ein Unteroffizier ist zu einem Verdächtigen gegangen, der einen Sandsack über dem Kopf hatte, und hat seine Finger in die Augen dieses Typen gestochen, bis der vor Schmerzen geschrien hat", wurde der Soldat zitiert. "Ich habe ihre Gesichter gesehen, wenn ihnen die Sandsäcke wieder abgenommen wurden. Die Nasen waren richtig gebogen."

Einige Offiziere hätten die Soldaten noch darin bestärkt, brutal mit den Gefangenen umzugehen. Der Soldat sagte dem "Mirror" aber auch, er schätze, dass von den tausenden britischen Soldaten im Irak nur etwa hundert so brutal vorgingen. "Die meisten sind gut", versicherte er. "Es ist nur so, dass da ein paar Leute in den falschen Positionen sind." Das britische Verteidigungsministerium bestätigte, dass sich der Soldat mit seinen Aussagen an die Militärpolizei gewandt habe. In dem Zeitungsinterview blieb er anonym.

(apa/red)

7.5.2004 09:35