Donnerstag, 6. Mai 2004

Wiener Festwochen im Rabenhof: Skandal um Inszenierung von Molnars "Harmonie"

  • Staudacher deformiert Stück zur Unkenntlichkeit
  • E-Gitarren statt "Harmonie"!

Ein unsicherer Teenager tritt vor den Vorhang, wo Scheinwerferkegel und Mikrophon warten. Der kurze Auftritt wird stimm- und stimmungsmäßig ein Desaster. Obwohl das Mädchen zu Hause doch so viel geübt hat. "Es tut mir ja so leid!" - So beginnt die Festwochen-Aufführung von Franz Molnars "Harmonie", und gleich die erste Szene steht so nicht im Text. Der Vorhang geht auf, die Budapester Ministerialratswohnung, in der das Stück spielen soll, ist ein Trümmerhaufen moderner Ausstattungsideen. Auf der Bühne hebt ein Kreischen und Verrenken an. Man ahnt: Totalcrash.

Regisseur Georg Staudacher hat das "Familienidyll mit Chorgesang in drei Akten" im Rabenhof gleichsam mit quietschenden Reifen auf hundertachtzig Sachen beschleunigt und frontal gegen die Wand gefahren. Das überlebt das beste Stück nicht. Bis zur Unkenntlichkeit deformiert, lässt sich auch kaum mehr nachvollziehen, warum dieses Werk bei seiner Erstaufführung 1932 angeblich einen Eklat und heftige Proteste der Nationalsozialisten ausgelöst hatte.

Das Aufbrechen der vielfältigen Verlogenheiten rund um den gefeierten Chorleiter, Musenfreund und Wohltäter Bela Kornely, ist zwar in Inhalt und Dramaturgie keineswegs neu, kann aber durchaus als Satire gegen Volkstümelei und Bürgertum verstanden werden. Adressaten, die sich von derartiger Figurenzeichnung angesprochen fühlten, dürfte es auch heute noch geben.

Indem Staudacher aber der Demaskierung einer verlogenen Gesellschaft durch extreme Überzeichnung und groteskes Spiel den Boden entzieht, geht der Bezug verloren. Ein Comic Strip, in dem nur gestottert und gehüpft, geschrien und gezappelt wird, ist rasch uninteressant. Dass am Ende "Har-mo-nie!" zum Schlachtruf debiler Kampftrinker wird, ist gut vorstellbar, dass dieses Motto 140 Minuten in allen Facetten durchgespielt wird, jedoch schwer erträglich.

Das Ensemble ist mit ganzem Einsatz bei der schweißtreibenden Sache. Allen voran Gregor Seberg als seitenspringender Ministerialrat. Kathrin Beck als seine Frau und Phillippa Galli als seine Tochter ringen exaltiert um Fassung, Magdalena Kropiunig versucht sich als fleischgewordene Versuchung, Simon Hatzl als gehörnter Nebenbuhler. Viel Energie, die teils auf die Nerven, teils ins Leere geht. Auch musikalisch geht man lieber mit E-Gitarren-Rock gegen die Idylle vor, als sich auf ihre Selbstentlarvung zu verlassen.

Etliche Zuschauer ergriffen die Pause als Chance zur Flucht. Der hauseigene Fanclub amüsierte sich dagegen köstlich und spendete am Ende ausgiebig Beifall.
(apa/red)

6.5.2004 11:35