Donnerstag, 29. April 2004

Abzug der US-Truppen aus Widerstands- Hochburg Falluja hat begonnen!

  • Marines räumten Stellungen in der Stadt
  • Plus: US-Soldaten wegen Misshandlungen vor Gericht

Einen Tag nach der Vereinbarung zur Aufhebung der Belagerung von Falluja haben US-Truppen mit dem Abzug begonnen. Die Soldaten des ersten Bataillons des 5. Regiments der US-Marines verließen am Morgen ihre Stellungen in verlassenen Fabrikgebäuden und Werkstätten in einem südlichen Gewerbegebiet von Falluja. Auch schwere Waffen und Barrikaden wurden abgebaut. Zwischen 70 und 80 Marines blieben zunächst in einer ehemaligen Soda-Fabrik, die dem Bataillon als Befehlszentrale diente. Sie sollten später ebenfalls abrücken. Verhandlungen gab es auch in der von Schiiten bewohnten Stadt Najaf.

Zur Sicherung der Lage in Falluja soll der Vereinbarung vom Donnerstag zufolge eine spezielle Schutzarmee aus 1.100 irakischen Soldaten gegründet werden. Zu ihrem Kommandanten wurde Generalmajor Yassem Mohammed Saleh ernannt, ein Veteran der Republikanischen Garde des gestürzten irakischen Staatschefs. Auch die einfachen Mitglieder der Schutzarmee dürfen einstige Regime-Anhänger sein, aber nicht zum harten Kern der Aufständischen gehören.

Die Bewohner Fallujas bereiteten Generalmajor Saleh indes auch einen begeisterten Empfang. Rund tausend Menschen, die am östlichen Stadtrand von Falluja auf die Rückkehr in ihre Häuser warteten, säumten die Straße und schwenkten Fahnen, als der hochrangige Militär in einer dunklen Limousine in die Stadt fuhr.

In Najaf verhandelte die irakische Polizei am Freitag mit örtlichen Stammesführern über Möglichkeiten einer Aufhebung des Belagerungszustands. Die Stadt ist die Basis des radikalen schiitischen Geistlichen Muktada el Sadr, dessen El-Mahdi-Miliz sich Anfang April blutige Gefechte mit den US-Truppen lieferte. Einem Sprecher El Sadrs zufolge ging es bei den Gesprächen darum, dass die irakische Polizei die Sicherheitskontrolle übernehmen und die Miliz abziehen sollte.

Trotz der Verhandlungen gingen die Kämpfe in der Region weiter. Am Donnerstag hatte die US-Luftwaffe noch drei rund 225 Kilogramm schwere Bomben über Falluja abgeworfen, um die Marineinfanteristen am Boden zu schützen. Am Freitag berichteten Augenzeugen über Raketenattacken im Stadtteil Golan. Die tagelangen heftigen Kämpfe und Bombardierungen richteten schwere Zerstörungen an.

Weitere Feuergefechte in mehreren Landesteilen hatten am Donnerstag mehr als 20 Menschen das Leben gekostet. Die jüngsten Opfer waren zwei irakische Kinder. Sie wurden am Abend von Querschlägern getroffen, als Aufständische in Bagdad einen US-Militärkonvoi angriffen und die Soldaten in einen Schusswechsel verwickelten. Ein spanischer Militärstützpunkt in Diwanija knapp 200 Kilometer südlich der Hauptstadt kam über Nacht zwei Mal unter Granatbeschuss.

Ein Jahr, nachdem US-Präsident George W. Bush die Hauptkampfhandlungen für beendet erklärt hatte, schwindet indes die Unterstützung der US-Bürger für den Irak-Krieg. Nur noch 47 Prozent halten den Krieg nach einer Erhebung der "New York Times" und des US-Fernsehsenders CBS für gerechtfertigt. Bushs Beliebtheit ist demnach auf dem niedrigsten Stand seit seinem Amtsantritt. In seiner bisher schärfsten Attacke gegen das Weiße Haus bezeichnete der einflussreiche demokratische US-Senator Edward Kennedy den Irak-Krieg als "vielleicht schlimmsten Fehler in der Geschichte der US-Außenpolitik".

(apa)

29.4.2004 07:35