Donnerstag, 29. April 2004

Martin will ins EU-Parlament! Politologen: Keine "großflächige Mobilisierung" Martins

  • Aber: Martin kostet allen Parteien Stimmen
  • PLUS: FPÖ, Grüne & ÖVP kritisieren seine Kandidatur

Für Politikwissenschafter und Meinungsforscher ist es noch zu früh, die Auswirkungen der Kandidatur von Hans-Peter Martin eingehend zu beurteilen. Einig ist man sich allerdings darin, dass Martin zumindest nicht völlig chancelos ist. Der Innsbrucker Politikwissenschafter Fritz Plasser dazu im Gespräch mit der APA: "Der Herr Martin wird nicht 20 Prozent kriegen, auch die Wahlbeteiligung wird wegen seiner Kandidatur nicht wieder in Richtung 49 Prozent gehen, aber eine bestimmte Klientel ist vorhanden."

Plasser glaubt, dass Martin mit seinem Spesen-Thema trotz niedriger Wahlbeteiligung bei Protestwählern wird punkten können, wenngleich ihm wohl keine "großflächige Mobilisierung" gelingen werde. Der Einzug Martins ins EU-Parlament ist für Plasser aber möglich: "Wenn, was ich nur erahnen kann, die Kronenzeitung fest entschlossen ist, dem Herrn Martin weiterhin Coverage zu geben, dann würde ich das nicht ausschließen."

"Skeptisch" bezüglich Martins Chancen ist Peter Filzmaier von der Universität Klagenfurt. Wenn Martin die Wiederwahl schaffen sollte, dann knapp, also mit etwa 5,5 Prozent, glaubt der Politologe. "Das Spannende ist, dass Österreich erstmals nicht einen Parteikandidaten hat, sondern einen - salopp gesagt - Zeitungskandidaten", so Filzmaier mit Verweis auf die massive Unterstützung der Kronen Zeitung für den EU-Mandatar. Für eine derartige Konstellation gebe es bisher keine Erfahrungs-Werte.

Allerdings sei der mediale "Luftkrieg" nur ein wichtiger Faktor im Wahlkampf, darüber hinaus sei nämlich auch der "Bodenkrieg" durch die Partei-Funktionäre ausschlaggebend. "Das Dilemma ist, dass man immer auf beiden Ebenen präsent sein muss, und da fehlt Martin die Basis", so Filzmaier. "Der Mann kann ja keine einzige Wahlveranstaltung machen, er weiß ja nicht einmal, wo das Kongresszentrum ist in irgendeiner Bezirksstadt." Allerdings sei die EU-Wahl insgesamt wegen der geringen Wahlbeteiligung schwer einzuschätzen.

Einig sind sich Filzmaier und Plasser darin, dass die Kandidatur Martins sowohl SPÖ und FPÖ als auch der ÖVP Stimmen kosten könnte. Einzig bei den Grün-Wählern vermutet Plasser "eine gewisse Resistenz" gegen Martins Spesen-Wahlkampf. Zudem verweist Filzmaier darauf, dass dieses Thema auch vom Grünen Spitzenkandidaten Johannes Voggenhuber rechtzeitig aufgegriffen worden sei. Der ÖVP fehlt nach Ansicht Filzmaiers derzeit überhaupt noch das "logische Thema" für die Wahl, während die SPÖ mit sozialer Sicherheit und Neutralität eine "gute Wahl" getroffen habe.

Noch äußerst zurückhaltend in ihrer Beurteilung sind vorerst die Meinungsforscher: Peter Ulram von Fessel-GfK sieht bei einer sehr geringen Wahlbeteiligung durchaus Chancen für Martin. "Das könnte schon drin sein." Die Kandidatur des früheren SP-Mandatars werde eher zu Lasten der FPÖ, vielleicht auch der SPÖ gehen. "Ich glaube nicht, dass die ÖVPler das sehr beeindrucken wird", so Ulram, dessen Institut im Wahlkampf für die ÖVP arbeitet.

Imma Palme, Chefin des SP-nahen Ifes-Instituts, will noch nicht beurteilen, wem die Kandidatur Martins schaden wird. "Das wissen wir jetzt noch nicht. Die Wahl ist noch so weit weg, die Leute haben gerade erst die Bundespräsidenten-Wahl verdaut." Aber, so Palme: "Wenn die Kronen Zeitung eine Großkampagne für den Herrn Martin macht, und wenn er weiter sein einziges Thema reitet, dann wird ihn das möglicherweise ins Europaparlament bringen." (apa/red)

29.4.2004 21:06