Mittwoch, 21. April 2004

Jugendwahn in der Arbeitswelt wird laut Experten von selbst aufhören

  • Arbeitsmediziner Hugo W. Rüdiger: "Wir werden nicht daran vorbeikommen, die älter werdenden Arbeitnehmer zu integrieren"

Die Menschen werden immer älter - am Arbeitsmarkt hat die ältere Generation heute jedoch vielfach keine Chance. Der Jugendwahn in der Arbeitswelt werde sich aber von selbst beenden. Diese Meinung vertritt Prof. Hugo W. Rüdiger von der Klinischen Abteilung für Arbeitsmedizin der Universität Wien am Rande einer Tagung in Innsbruck. Der Wissenschafter sprach sich gleichzeitig für eine verstärkte Gesundheitsförderung aus.

"Wir werden nicht daran vorbeikommen, die älter werdenden Arbeitnehmer zu integrieren", sagte Rüdiger. Er sah in dem Wandel der Arbeitswelt auch eine Chance. Die Älteren seien im Gegensatz zu den Jungen weniger emotional und dafür mehr rational, ausgleichend und nicht "karrieregeil", das heiße, sie wollen nichts mehr "werden", erklärte der Mediziner.

Für die Produktivität eines Betriebes sei es schlecht, nur auf junge, ehrgeizige, homogene Teams zu setzen. In "bunten" Teams gibt es laut Rüdiger weniger Reibungsverluste.

Als Beispiel für die gelungene Integration älterer Arbeitnehmer nannte Rüdiger eine Nadel-Herstellungsfirma in Boston in den USA. Von den rund 100 Beschäftigten seien zwei Drittel über 70 und zwei sogar über 90 Jahre alt.

Den Arbeitnehmer bezeichnete der Wissenschafter als das wichtigste Produktionsgut und das Kapital bzw. Know-how eines Unternehmens. Dennoch würden Arbeitskräfte abgebaut, immer weniger Mitarbeiter würden die Produktivität erbringen, gleichzeitig steigen laut Rüdiger die Qualifikationsanforderungen und somit Stress, Burn-out und Mobbing.

Umdenken
Von den Arbeitgebern forderte der Mediziner ein Umdenken: "Sie müssen begreifen, dass man nicht nur auf Fehlzeiten, sondern auf die Leistungsfähigkeit achten muss." Auf Gesundheitsförderung und Leistungserhalt müsse in der Gesellschaft ein viel größerer Wert gelegt werden, meinte Rüdiger. Er regte diesbezüglich etwa Gesundheitsvorsorgeprogramme in den Betrieben an.

In Österreich gibt es nach Angaben des Arbeitsmediziners derzeit eine "ungute Entwicklung" auf dem Gebiet. Die Tendenz seitens der Politik gehe dahin, zu sagen, man brauche weniger Arbeitsmedizin. Das Problem werde vom heilkundlichen auf den psychischen Bereich verlagert, sagte Rüdiger. "Wir sind aber nicht in der Situation, sagen zu können, unsere Arbeitsplätze sind so wahnsinnig gesund. Wir können es uns nicht leisten, die Arbeitsmedizin abzubauen." Dies sei mit der Entwicklung am Arbeitsmarkt nicht vereinbar.

Arbeitspsychologen zu installieren ist für Rüdiger nicht ausreichend. "Bis hinauf zur politischen Entscheidungsebene ist noch nicht realisiert worden, welche tief greifenden Wandlungen es in der Arbeitswelt gibt", kritisierte der Mediziner.
(apa, red)

21.4.2004 14:30