Samstag, 24. April 2004

Tabak-Werbeverbot: Formel-1-Zirkus auf der Flucht von Europa nach Asien

  • Imola schon nächstes Jahr nicht mehr im Kalender
  • Auch Silverstone, Spa und Budapest gefährdet

Der 24. GP von San Marino in Imola ist mit großer Wahrscheinlichkeit der letzte, denn der auslaufende Vertrag mit Bernie Ecclestone dürfte trotz intesiver Bemühungen der nicht mehr verlängert werden. Vor allem das Tabak-Werbeverbot veranlasst die Formel 1 zur Flucht aus Europa nach Asien

Die 24. Auflage des Grand Prix von San Marino in Imola ist an diesem Wochenende mit großer Wahrscheinlichkeit die letzte. Der am Sonntag auslaufende Vertrag mit der Bernie Ecclestones Formula One Administration (FOA) dürfte trotz verzweifelter Rettungsversuche durch Imolas Bürgermeister und des Automobilclubs von Italien, die auch schon Regierungschef Silvio Berlusconi um Hilfe angerufen haben, nicht verlängert werden. Bereits geltende oder demnächst in Kraft tretende EU-Gesetze, vor allem das Werbeverbot für Tabakwaren, veranlassen den Formel-1-Zirkus zur Flucht nach Asien.

Österreich musste bereits über die Klinge springen, in Belgien wird der Schwanengesang vermutlich im Herbst angestimmt. Die Rennen in Spanien, Frankreich, England und Ungarn, aber auch jenes in Kanada sind zumindest mittelfristig gefährdet. Auf der Kippe stehen die traditionsreichen europäischen Grands Prix in den meisten Fällen wegen der EU-Gesetzgeber, denen die teils langfristigen, schon vor der Ankündigung des Tabakwerbeverbots abgeschlossenen Verträge zwischen Zigarettenherstellern und einzelnen Formel-1-Teams egal sind.

EU-Gesetze machen Formel 1 das Leben schwer
Die Unnachgiebigkeit der EU zerrt am Lebensnerv der Formel 1, da die Tabakindustrie jährlich viel Geld (um die 225 Millionen Euro) in die Formel 1 pumpt. Für Unmut sorgt auch der so genannte Europäische Haftbefehl, wonach sich die Brüsseler Administration vorbehält, Straftäter auf der Stelle zu arretieren. FIA-Präsident Max Mosley befürchtet, dass er oder andere FIA-Funktionäre oder Teamchefs nach einem tödlichen Unfall verhaftet werden könnten. Von den EU-Ländern, in denen ein Grand Prix stattfindet, haben bis jetzt allerdings erst Belgien, Spanien und Großbritannien die Norm umgesetzt.

Heuer finden zehn der 18 GP-Rennen in Europa statt, doch in einigen Jahren werden es vielleicht nur noch halb so viel sein. Der nicht mehr aufzuhaltende Auszug aus Europa begann mit den 2004 ins Programm aufgenommenen Rennen in Bahrain und in China, Indien (ab 2007) und Südkorea (2009) werden folgen.

Nächstes Jahr dröhnen die Boliden in der Türkei
Schon 2005 wird erstmals ein Rennen in der Türkei stattfinden. Imola muss Kürtköy, einer Kleinstadt 20 km östlich von Istanbul, weichen, obschon dort die Rechnung aller Voraussicht nach nicht aufgeht. Die Schriftzüge und Logos von Marlboro, Mild Seven, Lucky Strike, West und Benson&Hedges werden wohl auch in der Türkei nicht auf den Boliden prangen.

Zahlreiche Bewerber
Die Reihe weiterer Bewerber um einen Grand Prix ist entsprechend des immensen ökonomischen Potenzials der Formel 1 lang. In Russland buhlen St. Petersburg und Moskau um den Zuschlag, Libyens Interesse ist wahrscheinlich als Bestandteil des Anbiederungsversuchs Ghaddafis bei den westlichen Staaten zu verstehen, der Libanon und Dubai machen ebenfalls mobil, Indonesien und die Philippinen erwägen den Bau einer Strecke. Zudem wollen Mexiko, Argentinien und Südafrika alte Formel-1-Zeiten aufleben lassen. Und Ecclestone möchte ein zweites Rennen in den USA, vorzugsweise in New York (Flushing Meadow?).

Angesichts der Fülle möglicher Destinationen außerhalb Europas sowie des ausdrücklichen Wunsches der Automobilhersteller und der Sponsoren, das marktwirtschaftliche Reservoir im asiatischen Raum anzuzapfen, sind wohl die Tage einiger Rennen in der "Alten Welt" gezählt.

Mit einem Kunstgriff soll im kommenden Jahr die letzte Möglichkeit, in Europa mit Tabakwerbung zu fahren, noch genutzt werden. Die Terminplaner beabsichtigen, die drei Rennen in Ungarn, Belgien und Italien, die bisher in der zweiten Jahreshälfte stattfanden, noch vor dem Inkrafttreten des Verbots (Ende Juli 2005) auszutragen, Nach hinten verlegt würden dann die ohnehin "Tabak freien" Rennen in Frankreich, England und allenfalls in der Türkei.

24.4.2004 11:41
Ergebnisse, WM-Stand, Team-Porträts