Sonntag, 25. April 2004

Prozess um Haban-Mord: Laut Kronzeuge war Angeklagter ein Mittäter!

  • Zeuge unter strengen Sicherheitsvorkehrungen befragt
  • Andrea V. steht in Italien unter Hausarrest

Vierter Verhandlungstag im Prozess um den so genannten Haban-Mord: Andrea V. (33), der Kronzeuge der Anklage, belastete am Montag im Wiener Landesgericht den angeklagten Massimiliano F. schwer. Demnach soll dieser einer der drei Männer gewesen sein, die am 9. Mai 1998 die Haban-Filiale am Graben überfallen und den Geschäftsführer Siegfried Goluch getötet hatten. Weil ihn der mutmaßliche Haupttäter und Schütze Michele d 'A. später als Risiko einstufte, hätte Massimiliano F. nach Angaben des Zeugen beseitigt werden sollen. Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.

Der aus Italien angereiste Zeuge wurde unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen einvernommen. Seiner Darstellung zufolge hatte er derselben Bande angehört wie Massimiliano F., Michele d' A. und Andrea S. , die den Überfall auf den Wiener Nobeljuwelier verübt haben sollen. Er wiederholte im Wiener Landesgericht seine bisher getätigten Angaben: Massimiliano F. - er ist als Einziger für die österreichische Justiz greifbar - hätte den Geschäftsführer in Schach halten sollen. Weil er das nicht in die Tat umsetzte und sich Siegfried Goluch von seinem Platz entfernte, habe Michele d' A. geschossen.

Beide hätten ihm unabhängig voneinander von dem tödlichen Raubüberfall erzählt, behauptete Andrea V. Er selbst habe an die 30 Coups durchgezogen, rund die Hälfte davon mit Michele d' A. Dieser und Massimiliano F. seien rund einen Monat vor der Bluttat nach Österreich gereist, um den Raub vorzubereiten. Ursprünglich wäre Massimiliano gar nicht als Mittäter vorgesehen gewesen: Weil Michele ihn, Andrea V., aber telefonisch nicht erreicht habe, habe dieser jenen mitgenommen.

"Haben Sie ein Interesse daran, alte Freunde einzutunken?", fragte Richter Peter Liebetreu. "Wirklich nicht", betonte Andrea V. Er hätte sich nach seiner Festnahme entschlossen, mit den Behörden zu kooperieren.

Am 30. Juni 1998 hatte Andrea V. mit einem Komplizen eine Wechselstube am Wiener Stephansplatz ausgeraubt. Bei der anschließenden Verfolgungsjagd wurde er geschnappt. Der zweite Mann - laut Andrea V. wiederum sein damaliger guter Freund Michele - entkam.

Im Rucksack, der bei V. sicher gestellt wurde, fand sich allerdings eine Schusswaffe, die jener für dieselbe hielt, mit der der Haban-Geschäftsführer Siegfried Goluch knapp sieben Wochen zuvor erschossen worden war. "Ich wollte nicht irrtümlich mit dem Haban-Mord in Verbindung gebracht werden. Ich wollte mein Leben ändern. Ich wollte auch mein Gewissen erleichtern", erläuterte der Kronzeuge der Anklage.

Außerdem habe er sich in seinem eigenen Verfahren für sein kooperatives Verhalten Strafmilderung erwartet. Acht Jahre Haft, lautete später das Urteil eines Wiener Schwurgerichts. Gemeinsam mit einer weiter zurück liegenden, in seiner Heimat ausgesprochenen Strafe verbüßte V. davon den Großteil im Gefängnis in Ferrara. Seit einigen Monaten steht er allerdings nur noch unter Hausarrest und kann den Vormittag sowie den Nachmittag nach freiem Gutdünken gestalten.

"Das italienische Gesetz sieht vor, dass man nach der Strafhälfte Vergünstigungen bekommen kann", erklärte er dem Wiener Gericht. Immerhin habe er insgesamt sieben Jahre und vier Monate abgesessen. "Ich bin freiwillig hier her gekommen. Ich hätte auch zu Hause bleiben können", betonte der Zeuge.

Er erzählte außerdem, dass Michele d' A. geplant hatte, Massimiliano F. beseitigen zu lassen. Die beiden hätten sich einige Tage nach dem Haban-Überfall auf einen Kurzurlaub nach Santo Domingo begeben, wo Michele d' A. angeblich Einheimische beauftragte, seinen Komplizen zu ertränken. "Er war die Schwachstelle, ein Risiko. Es sollte wie ein Unfall aussehen", schilderte Andrea V. Zwei Versuche, Massimiliano F. zu töten, hätten aber nicht geklappt.

Dieser dürfte nach Darstellung des Zeugen die ganze Zeit um sein Leben gefürchtet haben: "Er hat mit einem Messer unterm Kopfpolster geschlafen." Auf sein Anraten hatte sich F. nach seiner Rückkehr nach Bologna vorübergehend zu einem Freund nach Rumänien abgesetzt.

(apa)

25.4.2004 22:03